Die Schülerin Claudette Colvin war gerade auf dem Heimweg von der Highschool, als sie Geschichte schrieb. An einem Mittwoch im März 1955 forderte der Busfahrer die Afroamerikanerin auf, ihren Sitzplatz zu räumen, für eine weiße Mitfahrerin. Claudette weigerte sich und wurde verhaftet. Sie war die Erste, die sich so der Rassentrennung in öffentlichen Bussen widersetzte. Ihr Fall kam vor Gericht und trug dazu bei, dass die Regierung das Gesetz neu schreiben musste.

Die Geschichte von der schwarzen Frau im Bus lernen Schüler heute auf der ganzen Welt im Unterricht. Allerdings kommt Claudette Colvins Name in dieser Geschichte nicht vor. Die Frau, die darin die Hauptrolle spielt, heißt Rosa Parks. Sie tat genau das Gleiche wie Colvin, stieg sogar an derselben Haltestelle ein wie diese – allerdings erst neun Monate später.

Dass Parks’ Name heute in den Geschichtsbüchern steht, hat einen einfachen Grund: ihr Alter. Rosa Parks war 42 Jahre alt, als sie aufbegehrte, Claudette Colvin war erst 15. Ein Teenager wirkte als Heldin nicht überzeugend genug. Darum entschied sich die Bürgerrechtsorganisation National Association for the Advancement of Colored People dagegen, ihren Fall öffentlich anzuprangern, und setzte auf Rosa Parks. Claudette Colvin war damals schlicht zu jung, um zur Ikone einer Bewegung zu werden.

Heute, mehr als ein halbes Jahrhundert nach Colvins Busfahrt, sind es wieder Schüler, die die amerikanische Regierung zwingen könnten, die Gesetze zu ändern. Mit einem Unterschied: Diesmal sind die Helden in der Geschichte die Teenager. Und zwar gerade, weil sie so jung sind.

Zwei Wochen ist es her, dass die 18-jährige Emma Gonzalez und ihre Mitschüler einen Amoklauf in ihrer Highschool in Florida überlebten. Seitdem demonstrieren sie für härtere Waffengesetze. Im ganzen Land haben sich bereits Menschen ihrem Protest angeschlossen. Altpräsident Barack Obama twitterte: "Wir haben auf euch gewartet." Und selbst First Lady Melania Trump ergriff für die Teenager Partei: "Die Kinder sind unsere Zukunft, und sie verdienen, gehört zu werden", sagte sie in einer Rede. Es war das erste Mal überhaupt, dass Melania Trump sich in eine politische Diskussion einmischte.

Ihr Mann, den die Waffenkonzerne im Wahlkampf unterstützt hatten, geriet durch den Protest der Teenager aus Florida so unter Druck, dass er sie ins Weiße Haus einlud. Und der Senat in Florida stimmte an diesem Dienstag tatsächlich bereits für eine – wenn auch eher symbolische – Verschärfung der Waffengesetze.

Kein Politiker, kein Hollywoodstar, kein Chef einer Menschenrechtsorganisation konnte der amerikanischen Waffenindustrie bislang gefährlich werden. Doch nun muss sich eine der mächtigsten Lobbyorganisationen der Welt plötzlich Sorgen machen, wegen eines Mädchens, das weint.

Immer häufiger sind es heute Kinder und Jugendliche, die Massen mobilisieren, und das ausgerechnet für Anliegen, für die es Erwachsenen in Jahrzehnten kaum noch gelang, Menschen zu bewegen.