Die Utopisten von damals mussten einsehen, dass nicht jede Geschichte ein gutes Ende hat

In einer Zeit, in der in jeder Sekunde eine Bilderflut auf die Menschen einströmt, sind Teenager da häufig die einzigen, die noch gesehen werden. Das liegt auch daran, dass sie noch gar keine Geschichte haben, die Zweifel zulässt. Das macht es leichter, sie zu bewundern.

Kinder und Jugendliche tragen keine Verantwortung dafür, dass die Welt ist, wie sie ist. Sie dürfen ja noch nicht einmal die Politiker wählen, die über Gesetze entscheiden. Ihnen mag man noch glauben, dass sie moralisch anständig und frei von ökonomischem Eigeninteresse handeln. Sie scheinen unschuldig zu sein – und sogar über den ideologischen Kämpfen der Erwachsenen zu stehen.

Die 17-jährige Palästinenserin Ahed Tamimi etwa wurde vor wenigen Wochen in Israel verhaftet, weil sie einen Soldaten geohrfeigt hatte. Hunderttausende Menschen solidarisierten sich mit ihr auf Facebook. Dass sie selbst gewalttätig war, kümmerte viele nicht. Nach dem Motto: "Sie ist ja noch ein Kind." Wäre sie älter gewesen, hätte man es ihr vermutlich nicht so leicht verziehen. Kindern erlaubt man auch die Fehler, die man Erwachsenen nicht zugesteht. Das macht sie zu den perfekten Helden des 21. Jahrhunderts.

Die Utopisten mussten in den vergangenen Jahrzehnten einsehen, dass sich die Welt nicht so einfach ändern lässt. Dass nicht jede Geschichte ein gutes Ende hat. Das hat sie zynischer gemacht. Wer heute von einer Revolution träumt oder die großen Probleme dieser Zeit angehen will, wird schnell für seine Naivität verlacht.

Das Problem ist nur: Utopien nähren sich von der Naivität. Wer nur das Geringste in einer Welt ändern will, muss an das Unmögliche glauben. Er muss übertreiben. Er muss das Risiko eingehen, sich zu blamieren. Nichts ist lähmender für eine Gesellschaft als die Angst, sich zum Narren zu machen.

Wer könnte das besser als Kinder? "Wir sind die Revolution", schreibt eine Schülerin aus Florida nach dem Amoklauf auf Facebook. Anders als Erwachsenen erlaubt man Teenagern ein solches Pathos, ohne dass sie dafür belächelt würden. Sie ignorieren den Zynismus. Und schaffen es so, die Menschen zu bewegen, auch diejenigen, die schon lange keine Kinder mehr sind.

Inzwischen wissen allerdings auch immer mehr Erwachsene um die Macht der Kinder. Manche nutzen das für ihre Zwecke. So wie der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan.

Vergangene Woche holte er bei einer Rede zur Militäroffensive gegen die Kurden ein sechsjähriges Mädchen in Armeeuniform auf die Bühne. Er zeigte auf das Kind und sagte: "Wenn sie als Märtyrer fällt, werden sie sie auch – so Gott will – mit der Fahne zudecken. Es ist alles bereit." Seine Idee ging nach hinten los: Statt zu jubeln, weinte das Mädchen, und Erdoğan erntete Spott. Doch es kann auch anders ausgehen.

Im Netz kursiert seit Kurzem ein Gerücht. Die Jugendlichen aus Florida seien Schauspieler, bezahlt von linken Aktivisten, heißt es auf rechten Blogs und in Facebook-Kommentaren. Auch David Keene, der ehemalige Chef der Waffenlobby, sagte vergangene Woche im ZEIT- Interview: "Manche dieser Kinder werden von Waffengegnern instrumentalisiert."

Solche Sätze können mächtiger wirken als jedes Argument. Denn was später einmal in die Schulbücher geschrieben wird, hängt vor allem davon ab, wie die Bilder gedeutet werden. Gerüchte wie dieses über die Teenager aus Florida streuen Zweifel. Wenn diese Zweifel sich in den Köpfen der Menschen festsetzen, dauert es nicht mehr lange, bis auch die Kinder ihre Unschuld verlieren. Bis sie nicht mehr die Helden in der Geschichte sind.