An diesem Abend in Hamburg, es schneit in kleinen Flocken, hätte Carsten Brosda ohne Weiteres Weltgeschichte schreiben können. Drei Wörter hätten genügt: Sie gehören euch!

Auf einen Schlag wäre die Stadt Hamburg, deren Kultursenator Brosda ist, das Epizentrum einer globalen Debatte gewesen. Eines Streits, in dem es erst einmal um Kunst und Kultur geht, im Kern jedoch um die Frage, wie eine neue, gerechte Ordnung der Welt aussehen könnte.

Brosda weiß das, deshalb hält er sich zurück. Keine Appelle, keine großen Worte, die Sache ist schon so heikel genug. Mit ein paar Schneeflocken im Haar eröffnet er eine Ausstellung, die von lange verschwiegenen Grausamkeiten erzählt. Davon, dass die Deutschen eine Kolonialmacht waren, klein, aber entschieden brutal. Dass sie ungeheuer profitierten, weil andere geknechtet wurden. Und dass die deutschen Museen damals zusammenrafften, was ihnen in den fernsten Weltgegenden nur irgendwie bedeutsam oder merkwürdig vorkam.

Nun allerdings weiß niemand mehr genau, was mit den kolonialen Schätzen passieren soll. Müssen sie zurückgegeben werden wie die drei Bronzen, die Senator Brosda an diesem Abend präsentiert?

Am Ende des 19. Jahrhunderts waren sie nach Hamburg gekommen, ins Museum für Kunst und Gewerbe, drei fantastisch unheimliche Werke aus dem afrikanischen Königreich Benin, bald 500 Jahre alt. Lange wurden die kostbaren Stücke in Hamburg kaum beachtet, die meiste Zeit standen sie im Depot. Jetzt allerdings bekommen sie einen prominenten, fast reißerischen Auftritt: "Raubkunst" steht in leuchtend großen Lettern auf der Vitrine.

Es ist eine Selbstanklage ohne Reue: Die Stadt Hamburg besitzt die drei Bronzen, aber sie gehören ihr nicht. Und also, sollte man denken, müssten sie dringend zurück nach Afrika – nach Benin City im südlichen Nigeria, dem Stammort der Kunstwerke, wo sie von vielen schmerzhaft vermisst werden. Doch was geraubt ist, bleibt geraubt. Senator Brosda in Hamburg hält sich bedeckt.

Besonders verwunderlich ist das nicht. Es gibt in Europa etliche Museen, die Benin-Bronzen ihr Eigen nennen. Und auch in Stuttgart, München, Berlin, in London oder Amsterdam scheint die Kolonialzeit nicht beendet. Alle halten sie an ihren herrlichen Beutestücken fest. Und nicht nur an diesen.

Unzählige Sammelstücke wurden einst aus den "Schutzgebieten" nach Europa verbracht. Man war fasziniert von der unbekannten Ferne, und niemand fand etwas dabei, andere Kulturen zu erobern. Im Gegenteil, die Völker sollten dankbar sein, endlich zivilisiert zu werden. So dachten nicht nur Händler und Politiker, so dachten auch viele Geistesgrößen jener Jahre. Sogar Immanuel Kant, den Überphilosophen, schien man auf seiner Seite zu haben: "Die Negers von Afrika", hatte Kant geschrieben, "haben von der Natur kein Gefühl, welches über das Läppische stiege." Aufklärung und Unterwerfung schlossen sich keineswegs aus.