Die Geschichte der russischen Frau kennt keinen Anfang und kein Ende, aber sie kennt ein besonderes Datum, einen Tag, an dem sich einmal im Jahr die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern umkehren: den 8. März. Am Morgen dieses Tages färbt sich die russische Frau den Haaransatz nach und lackiert ihre Nägel. Sie biegt die Wimpern mit Zangen, epiliert ihre Beine, zupft die Augenbrauen. Überall im Land blühen erschöpfte Gesichter auf. Kleider werden glatt gestrichen wie kurz vor einem Auftritt auf großer Bühne, die Schuhe mit den hohen Absätzen stehen bereit, die ein bisschen aus der Mode sind, man trägt ja jetzt flach, aber dann wippen die Hüften nicht so schön. Die russische Frau weiß: Diese 24 flüchtigen Stunden – sie werden ihr gehören, ihr allein.

Der 8. März ist der Internationale Frauentag. In anderen Ländern erscheinen zu diesem Anlass nachdenkliche Zeitungskommentare, treffen sich Frauen in Rathäusern und Volkshochschulen zu Podiumsdiskussionen. Nirgendwo aber ist der Frauentag so bedeutsam wie in Russland, nirgendwo nimmt man ihn wichtiger.

Für 24 Stunden geht es nicht um die Sergejs und Saschas und all die anderen Ehemänner, sondern nur um ihre Frauen. Die Sergejs und Saschas schenken ihnen Pralinen, Parfüm, einen prallen Strauß Tulpen, um sich davon freizukaufen, wie nachlässig sie in den letzten 364 Tagen mit ihren Teuersten umgegangen sind. Wehe dem, der sich am 8. März lumpen lässt! Auch in den marmornen Fluren des russischen Parlaments, der Duma, eröffnen eigens errichtete Stände, an denen männliche Abgeordnete Blümchen kaufen können, "für die lieben Kolleginnen, alles Gute zum Feiertag!". Und natürlich lässt es sich der Staatspräsident nicht nehmen, die einzigartige russische Frau zu preisen, jedes Jahr aufs Neue.

Wladimir Putin am 8. März 2015: "Lasst mich allen Frauen dafür danken, dass sie mit ihren Anstrengungen das Land stärker machen und die Kinder und Jugendlichen erziehen. Denn die Frau ist als Vorbild sehr wichtig."

Wladimir Putin am 8. März 2016: "Liebe Frauen, ihr habt ein unbegreifliches Geheimnis: Ihr schafft alles, ihr bewältigt die größte Belastung und bleibt doch Frauen, zart, strahlend und bezaubernd."

Wladimir Putin am 8. März 2017: "Ihr kennt keine Ruhe, ihr seid immer besorgt, kümmert euch um Kinder, Enkel und Familien. Selbst an eurem Tag habt ihr alle Hände voll zu tun, ihr gönnt euch keine Nachsicht, euch gelingt alles."

Wenn gerade nicht der 8. März ist, klingt der Präsident oft anders. Witwen beschuldigen den Staat, für den Tod ihrer Soldatenmänner verantwortlich zu sein? Putin verunglimpft sie vor Vertrauten als "Huren". Ein Politiker soll zehn Frauen vergewaltigt haben? Putin sagt: "Er hat uns alle überrascht, wir beneiden ihn sehr!" Putin ist auf einer Veranstaltung, und jemand reißt einen derben sexistischen Witz? Der Präsident legt noch eine Schippe drauf.

Die Männer lachen. Und die paar anwesenden Frauen lachen mit.

Man stelle sich vor, bei Wahlen würden nur die Stimmen der Frauen zählen und nicht die der Männer. Dann wäre in vielen Ländern die politische Lage eine andere: In Amerika regierte Hillary Clinton, nicht Donald Trump. In Deutschland lägen die Grünen vor der AfD. In den Niederlanden würde die Partei des Rechtspopulisten und Islamhassers Geert Wilders an Einfluss verlieren.

In Russland bliebe alles, wie es ist. Wladimir Putin würde gewinnen. So wie er immer gewinnt. Selbst bei seiner schwierigsten, der von Protesten begleiteten letzten Wahl vor sechs Jahren konnte er sich auf die russische Frau verlassen: Laut Umfragen stimmten damals deutlich mehr Frauen für ihn als Männer. Sie machten ihn zum Präsidenten. Sie sind seine zuverlässigsten Anhänger.

Am Sonntag in einer Woche wird in Russland wieder gewählt. Und wenn der Sieger schon jetzt feststeht, dann zwar vor allem, weil es bei Wahlen in Russland nicht mit rechten Dingen zugeht. Aber auch, weil die Wählerinnen weiter zu diesem Mann halten, der einmal im Jahr hehre Worte für sie findet und sonst meist abschätzige.

Was ist nur los mit der russischen Frau? Wieso stört sie sich nicht an Putins Machogehabe? Hat sie etwa ihre ruhmreiche Geschichte der Emanzipation vergessen? Es ist ja kein Zufall und auch kein Putinsches Ablenkungsmanöver, dass der 8. März ausgerechnet in diesem Land groß begangen wird. Der Internationale Frauentag ist eine Errungenschaft der Arbeiterbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Russinnen spielten dabei eine wichtige Rolle.

Nach damaliger Kalenderrechnung am 23. Februar 1917, nach heutiger am 8. März, gingen in Petrograd (St. Petersburg) Frauen auf die Straße. Ihre Männer waren im Krieg, zu Hause hungerten die Kinder, sie selbst malochten 14 Stunden am Tag in der Fabrik. Der Streik der Arbeiterinnen schwoll an zu einer Revolution, auf die im Oktober eine zweite folgte und mit ihr der Sieg der größten Gleichheitsideologie, die die Menschheit je gesehen hat. Der Kommunismus proklamierte die doppelte Befreiung der Frau. Vom Patriarchat. Und von der Ausbeutung ihrer Arbeitskraft.

In der Sowjetunion durften Frauen nicht nur von Beginn an einen Beruf ausüben. Sie durften auch wählen, sich ohne Angabe von Gründen scheiden lassen, kostenlos abtreiben, über ihr eigenes Geld verfügen. Durften Ingenieurinnen sein und Physikerinnen, Fabriken leiten und im Zweiten Weltkrieg als Soldatinnen den Faschismus besiegen. 1963, als es im piefigen Westdeutschland noch 14 Jahre dauern sollte, bis Frauen ihre Männer nicht mehr um Erlaubnis bitten mussten, wenn sie arbeiten gehen wollten, flog die Russin Walentina Tereschkowa ins Weltall.

Man fragt sich, warum der russischen Frau von heute diese Vergangenheit egal zu sein scheint. Warum sie am 8. März lieber die Haare frisiert und sich bei Wladimir Putin ihr Lob für gutes Betragen abholt, statt nach den Sternen zu greifen. Begibt man sich auf die Suche nach Antworten, dann steht man an einem kalten Wintertag auf einem umgebauten Fabrikgelände im Zentrum Moskaus. Die Gentrifizierung hat den Hallen hübsche Shops mit handgeschöpfter Schokolade und Cafés mit Mandelmilch-Cappuccino beschert, außerdem einen kleinen Raum, versteckt hinter einer Stahltür: eine Art Mischform aus Sexshop und Beratungsstelle. Drinnen sitzen an diesem Tag acht Frauen, ausgestattet mit Stiften und Notizbüchern, und warten ein wenig verlegen auf einen Psychologen namens Alexander Kolossow. Er bietet einen Schnupperkurs an, Titel: "Wie angele ich mir einen Mann?".