Historisches Tief", "traumatisierte Partei", "schlechteste Wahlergebnisse ihrer Geschichte": Die SPD begleiten solche Rufe nicht erst seit dem jüngsten Führungsstreit und der Aufregung um den Mitgliederentscheid über den Koalitionsvertrag. Inzwischen ist ein eigener Markt für sozialdemokratische Apokalyptiker entstanden, die den nahen Untergang prognostizieren und sich an der demoskopischen Endzeitstimmung ergötzen, die seit Wochen suggeriert: Nur einen Schritt weiter, und die Sozialdemokratie ist ganz verschwunden. Als regierte die SPD nicht in zahlreichen Bundesländern, als gäbe es die Vielzahl an Oberbürgermeistern und kommunalen Mandatsträgern nicht mehr.

Tatsächlich kennt die Geschichte der Sozialdemokratie viele Krisen: personelle Querelen, innere und äußere Zäsuren, Spaltungen und immer wieder den Streit um Regierungsbeteiligungen. Auch das Argument, Sozialdemokraten müssten aus "staatspolitischer Verantwortung" mitregieren, ist nicht neu. Seit sich die SPD im späten 19. Jahrhundert aus dem obrigkeitsstaatlichen Zugriff befreit hatte und ihr Aufstieg zur Massenpartei durch das Bismarcksche "Sozialistengesetz" (1878–1890) nicht mehr zu verhindern war, rang sie mit der Frage: Regierung oder Opposition?

Die Jahre der Verfolgung und das Gefühl, allenfalls an den Katzentischen des Reiches geduldet zu sein, saßen tief in den Köpfen. Konservative und bürgerliche Kräfte machten sich das gern zunutze und zauberten die "staatspolitische Verantwortung" immer dann aus dem Hut, wenn es galt, die Sozialdemokraten bei der Ehre zu packen und sie in unangenehme Entscheidungen einzubinden. Die Erleichterung am Wahlabend 2017, endlich in die Opposition gehen zu dürfen, und die taktische Defensive nach dem Scheitern der Jamaika-Verhandlungen waren Aufführungen eines Dramas, das man in der SPD-Geschichte schon häufiger mitansehen konnte.

Zum ersten Mal im Konflikt um die Zustimmung zu den Kriegskrediten 1914: Anfangs warnte die Parteiführung noch scharf vor der teutonischen Kriegstreiberei auf dem Rücken des Proletariats. Die Pläne für ihre Verhaftung lagen deshalb schon in der Schublade. Doch in den ersten Kriegswochen schwand die Distanz und stieg die Bereitschaft – gefördert durch die Propaganda von einer "zaristischen Bedrohung" im Osten –, mitzuziehen. "Vaterlandslose Gesellen" wollten die Sozialdemokraten nicht sein.

Infolge der sinnlosen Schlachten im Westen und Osten allerdings stieg die Zahl derer, die sich offen gegen die Strategie des "Burgfriedens" aussprachen. Bis Dezember 1915 stellten sich 44 Abgeordnete gegen die Kriegskredite – fast die Hälfte der Fraktionsmitglieder. Außerhalb der Fraktion agitierte Rosa Luxemburg, zwischenzeitlich inhaftiert, gegen die Politik ihrer SPD.

Der Rauswurf der Kriegsgegner aus der Fraktion im März 1916 und die Gründung der USPD ein knappes Jahr später bedeuteten eine tiefe Zäsur, zumal sich in der neuen unabhängigen Partei keineswegs nur ehemalige Parteilinke wiederfanden, sondern auch weniger revolutionäre Intellektuelle wie Eduard Bernstein. Von diesem Aderlass erholte sich die Sozialdemokratie nur langsam.

Wie also umgehen mit der Macht?

Das Gefühl, halb Regierungs- und halb Oppositionspartei zu sein, gehörte zu den prägenden Erfahrungen in der Weimarer Republik. Nach ihrem großen Erfolg bei der Wahl zur Nationalversammlung 1919, als die SPD 37,9 Prozent der Stimmen erreichte und die mit Abstand stärkste Partei wurde, war der Absturz bei der Reichstagswahl nur ein Jahr später besonders bitter. 21,7 Prozent bedeuteten einen massiven Einbruch. Gewinnerin war die USPD, die auf 17,9 Prozent kam (während heute nicht wenige ehemalige SPD-Wähler nach rechts abgewandert sind).

Eine neuerliche Regierungsbeteiligung komme nach diesem Debakel nicht infrage, stellte der Vorsitzende Otto Wels damals klar. "Wir müssen aus dem Konkurs des Alten herauskommen und das schwindende Vertrauen der Arbeiter wiedergewinnen", und das konnte nur heißen: Erneuerung in der Opposition.

Auf vollständige Konfrontation konnte die Partei allerdings auch nicht gehen. Dafür war diese Republik zu sehr ihre eigene, mit Friedrich Ebert als Reichspräsidenten. Ebert ernannte in dieser schwierigen Situation den 68-jährigen Zentrumspolitiker Constantin Fehrenbach zum Kanzler. Dessen Regierung wurde von der SPD toleriert und parlamentarisch unterstützt. Erfahrungen mit einer Minderheitsregierung haben die Sozialdemokraten also bereits. Vieles daran war schwierig, aber es bedeutete nicht das Ende der Geschichte.