Am vergangenen Sonntag, kurz bevor die SPD das Ergebnis ihrer Mitgliederbefragung verkündet, fällt in einem Büro im zweiten Stock der Parteizentrale der Übervater der Arbeiterbewegung aus dem Regal und zerbricht in zwei Teile: Karl Marx. Eine kleine Büste aus Keramik, cremeweiß lackiert, mit Spardosen-Schlitz.

Das Büro liegt auf dem Flur der Jugendorganisation der SPD, der "Arbeitsgemeinschaft der Jungsozialistinnen und Jungsozialisten." Hier, zwischen Aktenstapeln und leeren Mate-Flaschen, verbringt der Juso-Chef Kevin Kühnert den Morgen der Entscheidung. Aus seinem Fenster kann er ins Foyer der Parteizentrale blicken. Scheinwerfer beleuchten eine Bühne, davor drängen sich mehr als hundert Journalisten und Kameraleute, von ARD und Al-Dschasira, von BBC und AFP. Kurz nach halb zehn wird hier das Ergebnis verkündet: 66 Prozent der Genossen stimmten für die große Koalition, 34 Prozent dagegen. Die SPD hat nach wochenlangem Streit eine Entscheidung. Und Deutschland eine Regierung. Erleichtert sieht trotzdem niemand aus. Die 120 Freiwilligen, die über Nacht die 378 437 Stimmzettel ausgezählt haben, stehen an den Balustraden und schweigen. Kein Applaus. Nicht einmal ein Raunen. Unten steht Olaf Scholz und guckt, als sei jemand gestorben. Oben am Fenster sitzt Kevin Kühnert in seinem Büro.

Er, der Anführer der No-Groko-Bewegung, ist formal betrachtet der Verlierer der Abstimmung. Aber jeder hier weiß, dass er zu den Gewinnern der Stunde zählt. Denn so entzwei wie die Karl-Marx-Sparbüchse, die den Jusos an diesem Morgen herunterfiel, ist auch die deutsche Sozialdemokratie. Und Kühnert gehört zu den wenigen, denen es gelingen könnte, die Partei zu kitten. Der Riss verläuft ja nicht nur zwischen Ja- und Neinsagern, sondern auch zwischen Oben und Unten, zwischen Spitze und Basis der Partei. Kühnert hat beides: das Vertrauen der Basis und das Gehör der Spitze. Michael Groschek, der Chef der SPD in Nordrhein-Westfalen, prophezeite Kühnert kürzlich eine "große Zukunft in der Politik und in der SPD". Auch in der Bundesspitze gilt der Juso-Chef als Ausnahmetalent, als einer, der nicht bekämpft, sondern gefördert werden muss. Fragt sich nur, ob das eine Drohung ist.

Der Parteivorstand der SPD um Andrea Nahles und Olaf Scholz hat nahezu einstimmig für eine große Koalition geworben. Die 120.000 Genossen, die dagegen waren, und die vielen, die nur aus Vernunft und nicht aus Überzeugung mit Ja stimmten – sie alle haben im Vorstand kaum jemanden, der für sie spricht. Auch deshalb dürfte der Groko-Gegner Kühnert eine wichtige Rolle spielen im Erneuerungsprozess der Partei, den jetzt alle fordern und der auch ein Prozess der Versöhnung sein soll. Damit die Neinsager nicht zu Frustrierten werden. Damit die gut 20.000 Neumitglieder, von denen viele wegen Kühnert und seiner Kampagne zur SPD gekommen sind, nicht gleich wieder austreten.

Kühnert zupft sich durchs Haar. In fünf Minuten, sagt sein Pressesprecher, müsse er runter, vor die Kameras. "Hast du dein Make-up am Start?", fragt der Sprecher.

"Ich hab keine Augenringe", sagt Kühnert.

"Dein ganzes Gesicht ist ein einziger Augenring!"

Drei Wochen lang ist Kühnert durchs Land getourt, um für das Nein zur Groko zu werben. Manchmal hatte er drei Termine pro Tag, morgens Bischofsheim, nachmittags Bad Homburg, abends Darmstadt. Er schlief wenig, vergaß oft zu essen und saß am Ende in mehr Ortsvereinen und Talkshows als die Chefs seiner Partei. Abend für Abend verkündete er sein Programm: Die Partei müsse sich wieder trauen, den Vermögenden etwas wegzunehmen. Sie müsse sich bei denen entschuldigen, die sie jahrelang vergessen habe. Sie müsse aufhören, allen gleichermaßen gefallen zu wollen. Bei der letzten Wahl, sagt Kühnert, habe die SPD in allen Milieus nur knapp über oder knapp unter 20 Prozent der Stimmen bekommen – von den Arbeitslosen genauso wie von den Gutverdienern.