Ein Stoßtrupp nähert sich der Demarkationslinie, drüben ist Feindesland: der Hof für die Erst- bis Viertklässler. Nur noch durch die Hagebuttenbüsche müssten sich die vier Jungs aus der fünften Klasse schlagen. Da baut sich vor ihnen ein Hüne von Mann auf, er trägt eine blaue Dienstjacke samt drei großen umrahmten Buchstaben auf der Brust, darunter ein S wie Sicherheit.

"Ihr dürft doch nicht zu den Kleinen, bleibt auf eurem Hof", sagt der Wachschutz gutmütig. "Alles klar, Sheriff", sagt Mehmet, "wir spielen nur Fortnite nach." Das ist ein Online-Ballerspiel, aber rasch greifen sich die vier einen Fußball und beginnen zu kicken, hier in der großen Hofpause der Spreewald-Grundschule in Berlin-Schöneberg.

Der weitläufige Ziegelbau, der schon vor 130 Jahren eine Schule war, wirkt in der ersten Frühlingssonne nach Wochen des Frosts fast idyllisch. Von den Bäumen gurren Tauben. Die Schlagzeilen der vergangenen Tage dagegen klingen derb: "Grundschule brutal!", titelte das Boulevardblatt B.Z. Der Berliner Kurier spricht von der "Schule der Gewalt", in der "Lehrer kapitulieren" – und das, weil zwei Sicherheitskräfte seit einer Woche an der Schule patrouillieren, versuchsweise, bis Ende April. Was ist hier los?

"Täglich gibt es irgendwelche Prügeleien", sagt Schulleiterin Doris Unzeitig in ihrem Büro im ersten Stock, "wir mussten einen Punkt setzen." 25 Gewaltvorfälle habe man in diesem Schuljahr der Schulaufsicht gemeldet. Die Leute von der Security bezahle sie aus dem Etat des "Bonus-Programms", der in Höhe von 100.000 Euro jeder Berliner "Brennpunktschule" zustehe. Unzeitig schaut aus dem Fenster. Fast alle Schüler dort unten auf dem Hof kommen aus Familien mit einer Migrationsbiografie, 90 Prozent sind von der Zuzahlung zu Lernmitteln befreit. "Einiges wird bei uns abgeladen." Seit die Security ihre Runden dreht, "ist es ruhiger und entspannter, die Kinder haben Respekt". Natürlich sei das keine Ursachenbekämpfung. "Aber alles, was hilft, ist gut für die Schule, die Security ist ein Puzzleteil unseres Gewaltpräventionskonzepts."

Denn bei allen Schlagzeilen über Brutalität an Schulen – grundsätzlich ist die Gewalt zurückgegangen, auch durch derartige Gewaltpräventionskonzepte. Ein wichtiger Gradmesser für den Rückgang ist die Statistik der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV), bei der alle deutschen Schüler während der Unterrichtszeit versichert sind. Jeden Unfall, jede Prügelei, jeden Ausraster, die einen Arztbesuch zur Folge haben, muss die Schule der DGUV melden. Seit Jahren gehen die gewaltbedingten Vorfälle zurück. Wurden im Jahr 1993 noch 15,5 Fälle pro 100.000 Schüler gemeldet, so waren es 2003 nur 11,3. Heute sind es 8,6 Fälle pro Jahr. Auch mit einer anderen verbreiteten Annahme räumt die DGUV auf. "Nimmt man Frakturen oder Fleischwunden als Maßstab für die Schwere von Aggressionen, so ist in keiner der Schularten eine zunehmende Brutalisierung erkennbar", heißt es.

Zu dieser Entwicklung tragen auch "Konfliktlotsen" bei, die es an vielen Schulen gibt. Auch an der Spreewald-Grundschule leisten sie die Hauptarbeit auf dem Hof. 17 Schüler wurden dazu ausgebildet, treten bei Streit auf den Plan, reden auf die Beteiligten ein oder jagen ihnen hinterher. So wie Hamed, der gerade nach einer kleinen Hatz über den Hof zwei Teenager stellt. "Ihr habt zwei Mädchen angerempelt, mitkommen", sagt er kurz, ganz Boss. Die zwei folgen ihm anstandslos zu einem Erzieherraum. "Das nächste Mal entschuldigt ihr euch sofort, okay?", stellt die diensthabende Sozialpädagogin fest. Ein Nicken, ein Handschlag, schon sind alle wieder draußen. Die Sicherheitsleute finden die meisten gut. "So kommen keine Fremden rein", sagt die elfjährige Samira. Auf die Reparatur der Torschließanlage durch den Bezirk wartet die Schule seit Jahren. "Und auch manche Papis sind auf dem Schulhof laut und aggressiv, die müssen nun an der Security vorbei."

Eines wollen die Schüler loswerden: "Schreib keine Lügen wie die anderen Reporter, die hier waren, Mann. Da stand in der Zeitung, hier würden Schüler die Lehrer angreifen – so ein Quatsch: Die schreien die nur an." Überhaupt, an der Nachbarschule sei es schlimmer. "Wir sind gern hier. Das kannste schreiben!" Tatsächlich geht es mit den Leistungen der Schüler voran. Die Ergebnisse im Vergleichstest "Vera" verbessern sich, die Zahl der Gymnasialempfehlungen steigt. Bleibt nur diese Unruhe. Während der Hofpause erinnern manche Schüler an die Kugel in Flipperautomaten, so ziellos tigern sie umher, stoßen mal den einen, mal den anderen an.

Die beiden Wachleute sehen zu; sie haben keine Schulaufsicht, die bleibt bei den Pädagogen. Körperlichen Zwang dürfen sie nur bei Notwehr anwenden. Und gibt es nun auf dem Hof weniger Stress? "Schon", sagt der zwölfjährige Ali. Was ihm indes missfalle: "Die schreiben jeden Schüler auf, der zu spät kommt."

Es geht auf Mittag zu. Während sich die Mensa füllt, steht Rektorin Unzeitig in ihrem Büro. Gerade kam ein Anruf, vom Bildungssenat. Die Finanzierung über das Bonus-Programm werde nicht gestattet, "das sei keine pädagogische Maßnahme". Das Bezirksamt sei zuständig, habe man ihr vom Senat bedeutet. "Oder soll ich das jetzt aus privater Tasche bezahlen? Immerhin habe ich den Vertrag auf Beschluss der Schulkonferenz für die Schule unterzeichnet." Für einen Moment ist es still. Dann gurren draußen wieder die Tauben.

Mitarbeit: Martin Spiewak