Im April 2011 habe ich einmal einen Neoprenanzug getragen. Ich fand, dass ich darin wie ein leicht untersetztes Action-Toy aussah, was mich eher positiv überraschte. Juan-Pablo, den ich seinerzeit in Lissabon besuchte, hatte mir den Gummianzug und ein übergroßes Surfboard für Anfänger geliehen. Weil er ein höflicher Mensch ist, meinte er, dass mir das Surfen sicher leichtfallen werde, wegen meiner Skate- und Snowboard-Erfahrung, aber ich ahnte schon, dass er sich irrte. Ich legte mich auf dem Brett ins Wasser und ruderte mit den Armen. Es war anstrengend und zäh. Nur einmal, als Juan-Pablo mich im exakt richtigen Moment angestoßen hatte, konnte ich für einige Sekunden über das Wasser gleiten. Eine kleine Welle schob mich in Richtung Strand, ich fühlte mich schwerelos und frei.

Das und manches mehr erzählte ich der freundlichen Redakteurin der ZEIT, als sie mir den Auftrag gab, eine teilnehmende Beobachtung über die Surfkultur am berühmtesten Strand Sydneys zu schreiben, dem Bondi Beach in New South Wales, Australien. Ich erklärte, dass ich sozusagen prädestiniert dafür sei, nun tatsächlich einmal das Surfen zu lernen, auch weil ich ja gerade diesen ideellen Turn hin zu einer stärkeren Bejahung des Moments durchlaufe.

In den Tagen vor der Abreise abonniere ich auf Instagram den Hashtag #bondibeach, was sich als wenig motivierend herausstellt. Immer wieder ist ein banaler Stadtstrand mit angrenzender Wiese zu sehen, ein Schwimmbad, das ins Meer eingelassen ist, Restauranttische, auf denen rosa Schaumwein steht, und ein kleiner Sportplatz, an dem Männer Klimmzüge machen. Ich befürchte, dass ich das Surfen am vielleicht langweiligsten Ort der Welt lernen werde. Und die einzige Frage ist, ob es mir gelingen wird, wenigstens ein Mal aufzustehen, um für drei bis zehn Sekunden das Gefühl zu haben, auf dem Wasser zu schweben, ein Gefühl, über das Juan-Pablo sagt, dass es sich auch nach Jahren noch surreal anfühlt. Drei bis zehn Sekunden, die man mit in den Schlaf nimmt und am nächsten Tag unbedingt wiederholen möchte.

Am Ankunftsmorgen bezeichnet meine Uber-Fahrerin Debby das diesig-schwüle Wetter als muggy. Mir gefällt das Wort gut. Wir reden eine ganze Menge auf der Fahrt vom Sydney Airport in den wohlhabenden Suburb Bondi, verabschieden uns auf der Curlewis Street mit einem Shakehands und bewerten uns gegenseitig mit fünf Sternen. Am Horizont kann ich bereits das Meer sehen und davor – das ist wirklich wahr – einen hageren blonden Mann, der in einem Neoprenanzug darauf zugeht. Alles kommt, wie es kommen muss, denke ich, während ich mein Airbnb-Apartment aufschließe.

Dort führe ich zunächst ein Telefonat mit Thomas Jeppe, einem australischen Künstler, der ein Freund eines Freundes ist und sich bereit erklärt hat, mir Tipps zu geben. Thomas beschreibt Bondi Beach als einen stark geschichteten Ort voller Oberflächen. Das Thema Surfen spiele dort keine Rolle. Er selbst sei Surfer und würde immer viel eher an einen anderen Strand gehen, Bondi habe nicht die richtige Form für gute Wellen, man begegne dort höchstens Anfängern. Nach dem Gespräch bleibe ich noch eine Weile im Apartment sitzen und blättere im australischen Magazin Surfing Life, das ich mir am Flughafen gekauft habe. Ich hatte die Wahl zwischen drei Surfmagazinen, jedes kostete dreizehn Dollar, und ich habe mich für Surfing Life entschieden, weil das noch am wenigsten hässlich aussah und die längsten Texte hatte. Ich erinnere mich nun, da mich eine tiefe Reisemüdigkeit übermannt, dass ich als skatender Teenager vom Surfen nichts wissen wollte, auch weil mir die Surfmode überhaupt nicht gefiel. Außerdem hatte ich als Zwölfjähriger an der Ostsee einmal Mallorca-Akne gehabt, und das hat mir das Strandleben generell verleidet.

Am frühen Nachmittag spaziere ich am Bondi Beach entlang. Ich habe gewiss schon breitere Strände gesehen, aber selten vollere. Mittlerweile ist es auch überhaupt nicht mehr muggy, mir gefällt meine Sonnenbrille nur noch bedingt, aber sie nicht zu tragen ist ausgeschlossen, denn es ist viel, viel heller, als man es sich im deutschen Januar auch nur ausmalen kann. Ich spüre weder einen großen Widerstand gegen den Sommer, noch breche ich in Euphorie aus. Da sind sie also wieder, diese Dinge, von denen man sehr früh gelernt hat, dass sie einem gefallen müssen – hellblauer Himmel, Eiscreme, kühle Brandung. Ich fotografiere einen Flagshipstore der Marke Birkenstock, trage eine kurze Hose und habe den Geruch von 50-plus-Sonnenmilch in der Nase. An der Südspitze Bondis finde ich die "Let’s Go Surfing"-Surfschule, dort will ich mich eigentlich für einen Kurs anmelden.

Aber erst mal laufe ich weiter bis zur Nordspitze, wo der berühmte Trainingsplatz liegen soll, von dem Thomas Jeppe mir am Telefon erzählt hat und auch, dass sich dort eine beinharte Machokultur neuerdings mit den Aufritten weiblicher Bodybuilderinnen durchmischt. Heute trainieren hier allerdings nur Männer. Der Impuls, ihre Klimmzüge und Crunches im superhellen Sonnenlicht abzufilmen, ist durchaus präsent, also stehe ich vor dem Sportplatz, als die wohl bleichste Person des gesamten Strandes, und halte mein Handy in die Luft. Ein Leben als Bodybuilder ist ein Leben für die Kamera, denke ich und gehe hastig weiter. Hinter einem Wagen, der Eisriegel für acht australische Dollar verkauft, beginnt der vielleicht verwunschenste Bereich von Bondi, ein Areal, das aus begehbaren Felsformationen besteht, mit windgeschützten Ecken, in die sich laut Thomas Jeppe vor allem die Allerjüngsten zurückziehen, um erste Male zu erleben. An einigen Stellen könne man hier von den Steinen ins Wasser springen und werde mit dem richtigen Timing von der nächsten Welle direkt wieder auf die Steine zurückgespült. Das klang am Telefon viel gefährlicher, als es vor Ort aussieht. Die Kids vom Bondi Beach wissen, wann sie zu springen haben. Um die letzte Ecke des Steinareals zu erreichen, muss ich an einigen Stellen durchs Wasser waten und überblicke nun den gesamten Strand vom Norden her: An beiden Enden liegen einige Surfer im Wasser, in der Mitte wird gebadet, dahinter beginnt die Stadt.

Als am nächsten Morgen die australische Sonne in mein Zimmer fällt, spüre ich, dass sich etwas verändert hat. Konnte ich gestern nur äußerlich feststellen, dass es warm ist, beginne ich nun in den Kategorien des Sommers zu denken. Alles wird leichter und weniger bedeutsam. Ich packe eine Strandtasche mit Gummisandalen und einem Handtuch und bestelle im Frühstückscafé Swell eine crunchy Tortilla mit Avocado, Ei und Bacon. Weil im Swell viele braun gebrannte Menschen an Laptops sitzen, muss ich meinen Tisch teilen.

"How is it going?" Ich erzähle von meinem Auftrag. Als Tyson, der sich als einheimischer Grafikdesigner herausstellt, fragt, was ich als Deutscher über Bondi denke, führe ich aus, dass ich Strände für meditative Orte halte, zugleich aber das Gefühl habe, dass am Bondi Beach auch andere Kräfte wirken, womöglich kompetitive. Tyson gibt mir recht, so entschlossen freundlich, dass ich unsicher bin, ob er nicht vielleicht nur Konflikte vermeiden will. An sonnigen Orten ist es ja oft so, dass positive Vibes wichtiger sind als Inhalte, und eigentlich finde ich das gut. In seiner Kindheit sei Bondi ein normaler Vorort gewesen, meint Tyson, doch mittlerweile gebe es YouTube-Comedians, die sich hauptberuflich über den Strand lustig machten, ein wenig ermüden würde ihn das schon. "It was more fun to live the cliché before everyone knew about the cliché, right?" Tyson lacht. Zwei doppelte Espressi dampfen jetzt vor uns, und ich bitte Tyson, der auch joggt, das Runner’s High mit dem Surfer’s High zu vergleichen, und dann sagt er tatsächlich, dass er das Runner’s High mittlerweile schöner finde, da es verlässlicher eintrete, unabhängig von Gezeiten und Tagesform.