Zu den Sätzen, die in aller Welt berühmt sind, gehören die folgenden aus Musils Roman Der Mann ohne Eigenschaften. Dort heißt es über das alte Österreich: "Es war nach seiner Verfassung liberal, aber es wurde klerikal regiert. Es wurde klerikal regiert, aber man lebte freisinnig. Vor dem Gesetz waren alle Bürger gleich, aber nicht alle waren eben Bürger. Man hatte ein Parlament, welches so gewaltigen Gebrauch von seiner Freiheit machte, dass man es gewöhnlich geschlossen hielt; aber man hatte auch einen Notstandsparagraphen, mit dessen Hilfe man ohne das Parlament auskam, und jedesmal, wenn alles sich schon über den Absolutismus freute, ordnete die Krone an, dass nun doch wieder parlamentarisch regiert werden müsse."

Genau diese Existenzform des Nicht-festgelegt-Seins hasste einer, der solche Balancen nicht ertrug und der unbedingt für klare Verhältnisse sorgen wollte. Hitler war der Meinung, dass "die Sicherung des Deutschtums die Vernichtung Österreichs voraussetzte". In Mein Kampf gab er sich selbst die emotionalen Sporen mit der Floskel: "heisse Liebe zu meiner deutschösterreichischen Heimat, tiefen Hass gegen den österreichischen Staat".

Musils ironische Trauer über den verlorenen Anti-Dogmatismus gegen einen Hitler, der seinen entschiedenen Hass predigt, beruht auf einer Konstellation, die heute – vielleicht weniger dramatisch – aktuell ist. Die Konstellation Befreiung durch Vielfalt und Verengung durch Vereindeutigung handelt dieses Taschenbuch glänzend ab.

Ein wichtiges Wort in Bauers Essay lautet "ambiguitätstolerant". Wer in diesem Sinne tolerant ist, hält Widersprüche ("Ambivalenzen") gut aus: Von manchen Menschen mag man angezogen und zugleich abgestoßen sein. Wer es aushält, endet nicht in Zerrissenheit und Neurose. Es geht darum, Widersprüche nicht zu applanieren, sie nicht zu "vereindeutigen". Aber die Tendenz dazu ist offenkundig, sogar in der Kunst, die für sich reklamiert, die Polyvalenzen gepachtet zu haben. Bauer kritisiert Schönberg: Mit der Zwölftontechnik produziere man Werke, die in ihrer inneren Struktur eine geradezu mathematische Eindeutigkeit aufwiesen.

Das eigentliche Feld der Ambiguität ist die Politik. In ihr kommen viele einander widerstrebende Motive zusammen, die sich höchstens mit Gewalt vereinheitlichen ließen. Gerade der "Widerwille, Uneindeutigkeit auszuhalten", trage zur Erosion der Demokratie bei. Den Massen verspricht man "authentische", widerspruchsfreie Politik, entschiedenes Regieren – auch das könnte eine Definition für "Populismus" sein.

Thomas Bauer: Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt;
Reclam Verlag, Stuttgart 2018; 104 S., 5,49 €