Mr. und Mrs. Andrews sind tatsächlich für diese Ausstellung zum ersten Mal nach Hamburg gekommen: Im hellblau schimmernden Kleid sitzt sie auf der modischen Rokokobank, an die er wiederum sich lässig lehnt, das Gewehr unter den Arm geklemmt. Beide schauen sie jetzt selbstbewusst-skurril den Besuchern der Kunsthalle beim Staunen zu. Robert und Frances Andrews heißt das Bild offiziell; in Großbritannien ist es das populärste Gemälde überhaupt, ziert Kaffeetassen und Kühlschrankmagneten. Gemalt hat es um 1750 ein junger Provinzkünstler aus dem ostenglischen Suffolk, dessen Name später einmal wie Donnerhall durch die britische Kunstgeschichte tönen würde: Thomas Gainsborough.

Was William Turner und John Constable für das 19. Jahrhundert sind, das waren Joshua Reynolds und Gainsborough im 18. Jahrhundert: bedeutende Maler, die einer prosperierenden, auf allen Meeren präsenten Großmacht endlich das Gefühl vermittelten, künstlerisch nicht mehr hoffnungslos dem Kontinent mit all den Franzosen, Italienern, Spaniern und Holländern hinterherzuhinken. Ruhm erntete Gainsborough für seine zahllosen Porträts im Auftrag jener englischen Upperclass, die allmählich ihre Lust an der Selbstdarstellung entdeckte.

Geheimnisvolles Licht

Der Hamburger Kunsthalle ist jetzt eine kleine Sensation gelungen: Die von ihrem Direktor Christoph Martin Vogtherr kuratierte Ausstellung mit ihren rund 80 Gemälden und Zeichnungen ist, man glaubt es kaum, die allererste Gainsborough-Schau überhaupt in Deutschland. Grund genug für die Briten, für dieses erste Mal berühmte, nur äußerst selten die Insel verlassende Hauptwerke ihres Meisters über den Kanal auf Werbetour zu schicken – neben dem Ehepaar Andrews auch Die Tränke von 1777, beide aus der National Gallery, zudem Weiteres aus der Tate und aus kleineren Museen und Privatsammlungen. Während momentan das Vereinigte Königreich politisch davondriftet, wirkt diese Präsentation wie ein beschwörend symbolischer Anker: Im Schauen bleiben wir vereint.

Oder lernen uns erst richtig kennen: Tatsächlich kann man den Künstler hier neu entdecken. Der Untertitel der Ausstellung, zu der auch Berlin und München vieles beigesteuert haben, lautet Die moderne Landschaft. Wer Gainsboroughs legendär schillernden Blue Boy und all die anderen edel gewandeten ladies und gentlemen, Kinder und Hunde im Kopf hat, der übersieht ja oft, wie bahnbrechend seine hier gezeigte Landschaftsmalerei war.

Schon im Porträt der Andrews spielte sie eine programmatisch gleichberechtigte Rolle: Die eine Bildhälfte gehörte dem Paar, die andere ihren Ländereien, dem frisch geernteten Korn auf den Feldern, bis zu den weißen Schafpunkten in der Ferne hinter dem Zaun. Verblüfft bemerkt man überhaupt die frühe Meisterschaft Gainsboroughs, der 1727 als Sohn eines Tuchhändlers in Sudbury in Suffolk geboren wurde. Ab seinem 14. Lebensjahr lernte der begabte Junge bei Künstlern in London, kehrte 1748 in die Heimat zurück, wo er mit Landschaften kaum reüssierte; damals galten sie noch als minderwertiges Genre. In der Ausstellung kann man sehr gut sehen, wie Gainsborough sich gezielt an Holländern wie Ruisdael und Wijnants schulte, die einhundert Jahre vor ihm die Natur malten und die er in den Landsitzen der Umgebung studierte. Schon mit Anfang zwanzig konnte er das Licht wie ein routinierter Profi indirekt durch die Wolken dringen lassen und dann als faszinierend geheimnisvollen Silberhauch in den Teichen des Gemäldes Holywells Park spiegeln.

1759 zieht er nach Bath, dem damals angesagten Kurort der vornehmen Londoner Gesellschaft – ein Markt für Porträts, der ihm endlich Geld und Anerkennung beschert; 1774 wechselt er endgültig in die Hauptstadt. Jedoch das künstlerische Herz des begeisterten Hobbymusikers, der mit dem jüngsten Bach-Sohn, dem Komponisten Johann Christian Bach, befreundet war, schlug weiterhin woanders: "Ich habe Porträts satt und wünsche mir sehr, meine Viola da Gamba zu nehmen und fortzuwandern in liebliche Dörfer, wo ich Landschaften malen und den Rest meines Lebens still und unbeschwert genießen könnte." Ganz so lieblich sehen die Dörfer bei ihm nicht aus, Armut und Hunger sind in leicht romantisierter Form erkennbar. Bei seiner Waldlandschaft mit Wagen (1767) meint man das soziale Drama der Landflucht zu erahnen: Wenn Männer um ein emporgerecktes Bierfass ringen, inszeniert das der Künstler wie eine klassische Kreuzabnahme.

Zu Tränen gerührt

Es ist das Jahrhundert von Fortschritt und Aufklärung – auch Gainsborough experimentiert eifrig. In der Ausstellung kann man sehen, wie er mit der gerade erfundenen Aquatinta-Drucktechnik arbeitet und wie er Magermilch als Firnisüberzug bei Zeichnungen ausprobiert. 1781 baut er einen Guckkasten, in den man mit Malerei versehenes Glas einsetzt, um es von hinten mit Kerzen stimmungsvoll zu beleuchten. Bei seiner in der Schau rückseitig illuminierten Glasmalerei Küstenlandschaft mit Segelschiffen könnten bereits jeden Moment Turners helle Luftwirbel über dem Wasser losbrausen.

An Gainsboroughs Berg- und Flusslandschaften und schließlich an der epochalen Tränke, die in Auseinandersetzung mit Rubens’ gleichnamigem Bild entstand, lässt sich sein spezieller Rokoko-Realismus erkennen. Er malte keine mythologisch überhöhten Ideallandschaften, seine Natur ist auch kein Spiegel der Seele, wie später bei den Romantikern. Sondern sie ist ein eigener Erfahrungsraum, den er mit empfindsamer Wahrnehmung erfassen will. Im Mutterland von industrieller Revolution und Welthandel wurde die Natur gleich doppelt zum ästhetischen Entlastungsprogramm: in der künstlichen Gestalt englischer Gärten und in der Malerei.

John Constable spürte später überall im heimatlichen Suffolk seinen 1788 verstorbenen Landsmann: "Ich stelle mir vor, dass ich Gainsborough in jeder Hecke und jedem Weidenbaum sehe." Und er erfasste genau den eigentümlichen Zauber von Gainsboroughs Landschaften: "Bei ihrem Anblick kommen Tränen in unsere Augen, ohne dass wir wissen, was sie hervorbringt."

Bis zum 27. Mai, der opulente Katalog kostet 29,– €