Wahrscheinlich muss man als guter Popstar ein Narziss sein. Man muss den Rummel um die eigene Person wirklich wollen, ihn sogar für selbstverständlich halten, sonst wird das nichts mit der Karriere. In Deutschland ist es allerdings nicht so einfach, denn anders als in England werden großspurige Typen hierzulande selten geliebt. Wie sonst ist es zu erklären, dass jemand wie Timo Blunck außerhalb des Hamburger Szene-Mikrokosmos ein Unbekannter geblieben ist, der sein Geld mit Werbejingles verdient, obwohl er alles mitbringt, was ein Popstar braucht: Attitüde, Coolness, Größenwahn, Ichbezogenheit?

Aus diesem halb trotzigen, halb melancholischen Grundgefühl heraus legt Blunck, Professorensohn aus Niendorf, Musiker, Ex-Ehemann, Vater dreier Söhne und Agenturchef, nun seine Memoiren vor. Sie tragen den schönen Titel Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern? und erzählen von den wilden alten Zeiten, in denen man es sich noch leisten konnte, auf keinen Fall an den Morgen danach zu denken.

Zu erzählen hat der 55-Jährige in der Tat einiges, er war ein Teil des Duos Die Zimmermänner und immerhin zwei Jahre lang Bassist von Palais Schaumburg. Mit der legendären Hamburger New-Wave-Band spielte er Anfang der Achtziger als Vorgruppe von Depeche Mode und stand in weltweit angesagten Musik-Locations auf der Bühne. "Damals war ich 19 und auf dem Höhepunkt meiner Karriere. Das merke ich allerdings erst 30 Jahre später", heißt es lakonisch im Buch.

Die fast 500 Seiten lange, teilweise fiktionalisierte Beichte des Kurzzeit-Popstars ist das heitere Porträt eines notorischen Egomanen. Nach einer Drogennacht, die in der Notaufnahme endet, wird der Ich-Erzähler "T-Bone Schröder" von seiner Schwester gezwungen, eine Psychologin aufzusuchen. Die raucht Kette und bildet fortan das Publikum für die ausschweifenden Berichte ihres Patienten, der in seinem Geltungsdrang nicht versäumt zu erwähnen, er sei Einserabiturient gewesen, und sich für unwiderstehlich hält: "Ich war schon immer ein hübsches Kerlchen ... Typ David Bowie als Thin White Duke. Und das schmeichelt David Bowie."

Um therapeutische Aufarbeitung geht es natürlich gar nicht. Eher darum, in einer Zeit, in der Askese und Selbstoptimierung alles sind, einen Lebensentwurf zwischen Höhenflug und Absturz zu feiern. Das ist eine Weile lang sehr unterhaltsam, doch wie das bei Rauschmitteln aller Art ist: Beim ersten Mal kickt es am besten, danach wird es von Mal zu Mal öder. Angewendet auf das Buch bedeutet das, dass die unzähligen "prächtigen Hintern", "Titten", "Schwänze", Kokslines und Pillen, mit denen der Autor seine Leser traktiert, in einen Zustand stumpfer Ermattung führen. Man hat kapiert, wie der Hase rammelt und schnupft, doch er hört einfach nicht damit auf. Aber hey, der Roman ist nicht ohne Grund bei Heyne Hardcore erschienen und nicht bei Suhrkamp, wie der artverwandte Achtziger-Jahre-Dokuroman Verschwende deine Jugend von Jürgen Teipel.

Was Blunck gut kann, sind zeithistorische Szenen mit Promifaktor. Wie er im Studio 54 um sein Leben tanzt, wie Brigitte Nielsen einschläft, obwohl sie im Studio einen Song produzieren soll. Wie er mit Günter Grass Rotwein säuft, wobei der Nobelpreisträger alle Frauen angräbt und anschließend die Zeche prellt. Wie er sich von Dave Gahan von Depeche Mode sein Hemd bügeln lässt. Wie er 2006 als erfolgreicher Werber von einem Autokonzern ins traditionsreiche Eppendorfer Holthusenbad geladen wird – zum Vögeln, nicht zum Schwimmen. Das sind tolle Anekdoten, viel zu gut, um ausgedacht zu sein.

Und dann wäre da noch: die Liebe. Der Held wird von ihr befallen wie von einem lebensgefährlichen Bazillus. Sie kommt in Gestalt einer verrückten Südstaaten-Beauty namens Sophia über ihn, die regelmäßig aus dem Drogensumpf und aus den Fängen anderer Männer gerettet werden muss. Die beiden führen eine Katastrophenbeziehung, die mit dem Therapeutenbegriff "dysfunktional" nur unzulänglich beschrieben ist – und sie wird, wie sollte es anders sein, eingeleitet von der Frage: Hatten wir nicht mal Sex in den Achtzigern?

Verdammt lang her.

Timo Blunck: Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern?
Heyne; 463 S., 22,– €