Universitäten geben sich gern als völlig unabhängige Institutionen. Selbst wenn sie mit Unternehmen kooperieren. Eine ZEIT-Recherche weckt Zweifel an diesem Bild.

In der Nürnberger Altstadt, umstellt von der historischen Stadtmauer, steht ein seltsames Gebäude. Der Nordflügel wächst gläsern in die Moderne, der Südflügel verharrt als weinrote Bausünde in den Siebzigern. Stillstand und Erneuerung – in der Mitte treffen sie sich. Es ist Anfang Februar, Klausurenzeit an der Friedrich-Alexander-Universität, kurz FAU. Im lichtdurchfluteten Erdgeschoss des Nordflügels blättern Studenten geschäftig in ihren Ordnern. An der Wand neben den Türen prangen etwas zu große Plaketten aus Glas, sie sind mit Namen beschriftet: "Müller Medien Hörsaal" und "e@syCredit Hörsaal". Auch auf den Wegweisern im Gebäude stehen die Logos der Geldgeber.

Wer in den Südflügel abbiegt und ins Treppenhaus steigt, betritt einen heruntergekommenen Betonbau mit Fußboden aus blauen Gumminoppen. Hier ist das Geld der Wirtschaft nicht in den Bau geflossen, es sitzt in Gestalt von Werner Widuckel in einem Besprechungsraum im dritten Stock. Widuckel, ein Endfünfziger mit grauem Sakko und silbernem Haar, schiebt noch vor Gesprächsbeginn Belege seiner Kompetenz über den Tisch: ein Aufsatz in einer Fachzeitschrift, ein 583 Seiten starker Sammelband, vier Herausgeber, Widuckel ganz oben. "Darin wird Audi kein Mal erwähnt", sagt er.

Werner Widuckel saß jahrelang bei Audi als Personalchef im Vorstand und betreute dort auch die Kooperationen mit Universitäten, im Sommer 2010 verließ er den Konzern. Gut anderthalb Jahre später berief die FAU ihn zum Professor für Personalmanagement. Nicht auf eine reguläre Professur, bezahlt vom Land Bayern. Sondern auf eine Stiftungsprofessur, bezahlt von Audi. Widuckel nennt die alten Kollegen im Audi-Firmensitz in Ingolstadt noch immer "Audianer". Er fährt einen Audi mit Hybridmotor. Und er hält eine Vorlesung, die im Vorlesungsverzeichnis als "Personalmanagement in Theorie und Praxis in Kooperation mit der Audi AG (Audi-Vorlesung)" angekündigt wird. Werner Widuckel sagt: "Ich bin absolut unabhängig."

Was wir essen, wie wir lernen, welche Medikamente wir nehmen: All das basiert auf der Arbeit von Wissenschaftlern. Ihre Erkenntnisse beeinflussen, ob Verbraucher Dieselautos kaufen oder Politiker den Ausbau von Windkraftanlagen subventionieren. Das macht ihre Unabhängigkeit so kostbar. Deshalb sind Forschung und Lehre in Deutschland frei, so steht es in Artikel 5 des Grundgesetzes.

Die Frage ist: Stimmt das?

Sie führt direkt ins Selbstverständnis der deutschen Wissenschaft. Einer Branche, die sich stets unbestechlich gibt und deren Selbstbewusstsein manchmal in Selbstgerechtigkeit kippt. Und weil die deutschen Universitäten mit den besten der Welt konkurrieren wollen, die staatlichen Mittel hierfür aber bei Weitem nicht ausreichen, können sie jeden Euro gebrauchen. Das macht sie anfällig.

Mehr als 1,4 Milliarden Euro pumpen Unternehmen laut Statistischem Bundesamt aktuell pro Jahr allein in die Forschung an den Hochschulen. Nur in spektakulären Fällen nimmt die Öffentlichkeit Notiz, wenn Lidl-Gründer Dieter Schwarz der TU München 20 Professuren schenkt oder SAP-Mitgründer Hasso Plattner der Uni Potsdam eine ganze Fakultät spendiert. Die meisten Kooperationsverträge aber bleiben geheim.

Die ZEIT hat fünf Fragen zum Thema Industriekooperationen an 78 Universitäten geschickt. Hier dokumentieren wir, wie viele Universitäten auf die jeweilige Frage geantwortet haben

Die ZEIT hat fünf Fragen zum Thema Industriekooperationen an 78 Universitäten geschickt. Hier dokumentieren wir, wie viele Universitäten auf die jeweilige Frage geantwortet haben

Quelle: eigene Recherche © ZEIT-Grafik

Dieser Text unternimmt den Versuch, Klarheit zu schaffen. Die ZEIT hat 78 Universitäten in Deutschland um Daten gebeten: über industriefinanzierte Forschungsprojekte, über aktuelle und ehemalige Stiftungsprofessoren, über die Promotionen von Doktoranden, die von Unternehmen bezahlt werden, und über Kooperationsverträge zwischen Uni und Industrie. Viele Hochschulen reagierten verschnupft: Manche fühlten sich einem Generalverdacht ausgesetzt; andere sprachen von einem "unzumutbaren Aufwand" und beantworteten nur ausgewählte Fragen; sechs Universitäten stellten auch auf Nachfrage hin keinerlei Daten zur Verfügung. Andere Unis lieferten die angeforderten Informationen hingegen kommentarlos und in gewünschter Tiefe.

Trotz des dürftigen Rücklaufs zeigt die Abfrage eines ganz deutlich: Die Gelder aus der Wirtschaft fließen über viele Kanäle, und die Grenzen zwischen Partnerschaft und Abhängigkeit sind dabei kaum auszumachen. Es gibt keine staatliche Universität in Deutschland, an der auf private Gelder verzichtet wird. Wirtschaftsunternehmen geben deutschlandweit Studien in Auftrag, finanzieren ganze Forschungszentren und schicken ihre Angestellten mit nützlichen Fragestellungen in die Promotion.

Wirksame Standards dafür, wie die Universitäten damit umgehen sollen, gibt es aber nicht. Jede Uni entscheidet im Grunde selbst, wie ihre Verträge aussehen, in welcher Form sie ihre Projekte erfasst und ob sie die Zuwendungen veröffentlicht. Zentrale Datenbanken fehlen, nicht selten befinden sich wichtige Informationen in den Händen einzelner Professoren. Ob Universitäten die Namensrechte ihrer Hörsäle verhökern sollten wie Fußballvereine die ihrer Stadien, erscheint da fast schon zweitrangig.

Im Besprechungsraum der Nürnberger Wirtschaftswissenschaften wird der Ton schärfer, je näher man dem Thema möglicher Interessenkonflikte kommt. "Die Professur war öffentlich ausgeschrieben. Ich wurde wie jeder Kandidat anhand meiner Qualifikationen beurteilt", sagt Werner Widuckel. Audi habe außerdem nicht in der Berufungskommission gesessen.