Es ist nicht so richtig angenehm, diesen Text zu schreiben, in Teilen widerstrebt es mir sogar. Denn erstens gibt es für das, worum es gehen wird (die Vulva), kein Wort, das sich entspannt schreibt. Und zweitens bin ich als Autorin dieses Textes eben eine Frau, die über die Vulva schreibt, was ein bisschen so ist, wie diese erniedrigende Position auf dem gynäkologischen Stuhl einzunehmen. Mit ähnlichen Reflexen reagierte ich zunächst auf die in meiner Timeline immer häufiger erscheinenden Artikel über die Vulva (und ihre mitunter unglaublich bekloppten Überschriften): "Warum es wichtig ist, dass wir unsere Vulva lieben", beziehungsweise: "Vielen Männern ist es unangenehm, über Vaginas zu sprechen", oder: "Pussy Riot – viele Frauen sehen ihre Vagina immer noch durch männliche Augen", und: "Ohne rot zu werden – neue Haltung zur Menstruation". Es gibt verschiedene Instagram-Accounts, die sich mit der künstlerischen Darstellung der Vulva befassen ("Let’s celebrate diversity and show all vulvas are beautiful") und die Vulva-Anstecker, Vulva-Tassen und Vulva-Umhängetaschen verkaufen. Gerade wurde das Sachbuch Viva la Vagina von Nina Brochmann und Ellen Støkken Dahl veröffentlicht. Im Juni erscheint Pussy von Regena Thomashauer, das Frauen dazu anhält, sich mit ihrer Vulva zu connecten, um glückliche und erfolgreiche Frauen zu werden.

Natürlich handelt es sich bei dem Kenne-deine-Vulva-Thema um ein urfeministisches Anliegen. 1998 erschienen Die Vagina-Monologe von Eve Ensler. 2008 beschäftigte sich die Protagonistin von Charlotte Roches Feuchtgebiete intensiv mit ihrer Vulva und erfand dafür interessante Namen. Ein Jahr später erschien mit Mithu M. Sanyals Buch Vulva eine fundierte Kulturgeschichte des weiblichen Genitals, die sich deutlich abgrenzte von Naomi Wolfs umstrittenem Buch Vagina, in dem es um die "Essenz der Weiblichkeit" beziehungsweise um die Geschichte dieses "dunklen Kontinents" ging. Zuletzt thematisierte Margarete Stokowski in Untenrum frei die fehlende Sprache für dieses komische "Untenrum".

Und noch immer werden Bücher und Texte mit dem Verweis auf das Untenrum-Tabu, über das nicht geredet und für das es keine Worte gebe, veröffentlicht. Das zeigt, dass es das Vulva-Thema betreffend offenbar nur in sehr langsamen Schritten vorangeht. Die Aufklärungs-Tür muss irgendwie immer wieder von Neuem eingerannt werden, weil sie so leicht wieder zufällt. Folgerichtig war einer meiner ersten Reflex-Gedanken zu den Artikeln in meiner Timeline und Vulva-Neuerscheinungen: Ob man sich denn tatsächlich auch noch damit auskennen müsse? Man soll sich doch als moderner Mensch von morgens bis abends mit irgendwas auskennen (was isst/kauft/liebt/liest man und warum?) – wirklich, ich brauche keinen weiteren Imperativ, lasst mich wenigstens zwischen meinen Beinen zufrieden.

Zweiter Reflex-Gedanke: Ist es notwendig, dass jetzt auch das Allerintimste der Frauen öffentlich auseinandergefaltet und ins Internet gestellt wird? Wir sehen Frauen doch schon seit Monaten dabei zu, wie sie erniedrigt und vergewaltigt werden. Die Leute (die Männer) werden die Vulva-Entdeckungs-Texte bescheuert-witzig und vielleicht ein bisschen geil finden und mit Sicherheit vollkommen ungefährlich. Nicht, weil sie über Vulvas Bescheid wüssten, sondern weil doch alles okay ist, solange Frauen sich mit Frauenthemen beschäftigen und sonst keine anstrengenden feministischen Forderungen stellen oder Männern auf Männer-Feldern Konkurrenz machen (zu denen Vulva-Fachliteratur eben wirklich nicht zählt).

Möglicherweise sind die beschriebenen Reflexe nicht gänzlich falsch. Aber sie sind in ihrer Verschämtheit eben auch Teil des Problems, nämlich der Unsichtbarkeit des weiblichen Geschlechts und weiblicher Sexualität, die zurückgeht auf eine Geschichte, die von Männern geschrieben worden ist. Und es ist diese Feststellung, die die genannten Bücher allesamt eint: Es geht um den Versuch, das eigene Geschlecht, die eigene Lust zurückzufordern.

Die Autorin Sandra Konrad vertritt in ihrem absolut lesenswerten Buch Das beherrschte Geschlecht (2018) die These, dass die sexuelle Freiheit der Frauen heute allein darin bestünde, das zu wollen, was der Mann will. Sexuelle Freiheit sei ein It-Accessoire, das stolz mit sich herumgetragen werde. "In der Realität ist aber das Hauptziel vieler junger Frauen immer noch, dem Mann sexuell zu gefallen und das zu tun, was er will (...)", erklärte Konrad in einem Interview und beschreibt in ihrem Buch den Zusammenhang zwischen auf das männliche Begehren fixierter Sexualität und dem Blick der Frauen auf das eigene Genital. "Während Männer stets dahingehend sozialisiert wurden, stolz auf ihren Penis zu sein", sei die eigene Geschlechtlichkeit für Frauen häufig mit Scham und Ekel besetzt (stinkt, sieht merkwürdig aus, blutet mysteriös). Frauen hätten keine Sprache für das weibliche Genital, sie würden häufig nicht einmal die richtige Bezeichnung dafür kennen. "Kein Wunder, denn in der Öffentlichkeit wird das weibliche Geschlecht zumeist als Vagina oder Scheide bezeichnet. Allerdings fällt unter den Begriff Vagina allein das schlauchförmige weibliche Geschlechtsorgan, das den äußeren Muttermund mit dem Scheidenvorhof verbindet. Wer Vulva meint und Vagina sagt, lässt wichtige Teile des weiblichen Genitals verschwinden – unter anderem das Lustzentrum der Frau, die Klitoris."