Einhunderteinundsiebzig Seiten Text, sechsundzwanzig Abbildungen und siebenundvierzig Tabellen. Sieben Autoren haben sie zusammengetragen. Aber was bleibt hängen? Eine Zahl. 6.000. Für so viele "vorzeitige Todesfälle" durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen soll der Luftschadstoff Stickstoffdioxid in Deutschland verantwortlich sein. Aber was soll das eigentlich genau sein – "vorzeitige Todesfälle"? Und wie ermittelt man so etwas? Das fragte kaum jemand. Es war ja auch eine quasi amtliche Zahl: Das Umweltbundesamt hatte sie vergangene Woche bekannt gegeben.

In den Überschriften der Zeitungen und der Nachrichten-Websites im ganzen Land fand sich die Zahl in den unterschiedlichsten Interpretationen wieder: entweder als Beleg für die Gefahr durch Dieselabgase oder für frisierte Statistik ("Dieseltote für politische Zwecke zu erfinden ist krank", schimpfte Bild). Was die beiden Lesarten eint: Beide lassen keine nennenswerte Ahnung von Statistik erkennen. Erst recht nicht von jener Statistik, derer sich die Epidemiologie bedient. Die Wissenschaft also, die sich mit Krankheiten und Todesursachen in der Bevölkerung beschäftigt.

Insofern ist die – auf eine einzige plakative Zahl zugespitzte – Studie ein Lehrbuchbeispiel dafür, was geschehen kann, wenn Wissenschaft auf Gesellschaft trifft. Wenn Fachleute ihre Erkenntnisse zu einem heiß diskutierten Thema kundtun und diese umgehend popularisiert und politisiert werden. Doch worum geht es eigentlich? Und was steckt hinter dieser Zahl?

1. Die Studie

Nicht das Umweltbundesamt selbst hat die Studie durchgeführt. Damit war das Deutsche Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt in München, eine Einrichtung der Helmholtz-Gemeinschaft, beauftragt. Und die Münchner Wissenschaftler lieferten eine gewissenhafte Fleißarbeit ab: Mehr als 350 internationale Studien haben sie gelesen und ausgewertet, in denen den Gesundheitsgefahren durch Stickstoffdioxid nachgegangen wurde – jenes Verbrennungsgas, das seit dem Beginn des Dieselskandals stellvertretend für die Auswirkungen des Straßenverkehrs auf die Gesundheit steht. Ganz normale epidemiologische Fleißarbeit. Aus ihren Funden schlossen die Forscher dann auf die Folgen für die Menschen in Deutschland. Ganz normale epidemiologische Rechenarbeit.

Die Münchner Wissenschaftler kamen auf bemerkenswerte Zahlen. Acht Prozent der bestehenden Diabetes-mellitus-Erkrankungen seien in Deutschland im Jahr 2014 auf Stickstoffdioxid in der Außenluft zurückzuführen, dies entspreche etwa 437.000 Krankheitsfällen. Bei Asthma liege der prozentuale Anteil der Erkrankungen, die auf die Belastung mit Stickstoffdioxid zurückzuführen seien, mit rund 14 Prozent sogar noch höher. Was etwa 439.000 Krankheitsfällen wären.

Haften blieb aber vor allem die eine Zahl: 6.000. Die vorzeitigen Todesfälle aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen also, die 2014 auf Stickstoffdioxid in der Atemluft zurückzuführen sein sollen. Aber wie wollen die Münchner das wissen?

2. Die spektakuläre Zahl

"Verkehrstote kann man zählen", sagt der Mathematiker Joachim Heinrich vom Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München. "Tote durch Luftschadstoffe kann man nicht zählen, ihre Zahl muss man berechnen." Denn kein Mediziner kann bei einem Verstorbenen nachweisen, dass der tödliche Herzinfarkt oder Asthmaanfall durch eine jahrelange Stickstoffdioxidbelastung verursacht wurde. So etwas kann man nur statistisch plausibel machen.

Genau das ist das Handwerk von Epidemiologen. Sie schauen dabei, ob ein bestimmtes Ereignis öfter im Zusammenhang mit einem anderen auftritt, ob etwa Herzinfarkte bei einer Gruppe von Menschen häufiger sind, die einer höheren Belastung mit Stickstoffdioxid ausgesetzt ist, etwa weil sie an einer viel befahrenen Straße wohnt. Sehen die Forscher einen solchen Zusammenhang, sprechen sie von einer Korrelation: Sie nehmen an, dass ein Zustand (Stickstoffdioxidbelastung) einen anderen (Herzinfarkt) bedingt. Ein Beweis für einen ursächlichen Zusammenhang ist das allerdings nicht, denn auch andere Faktoren können zu den vielen Herzinfarkten geführt haben.