Manchmal verbirgt sich im Raum zwischen zwei Zahlen eine ganze Geschichte. Da ist eine Differenz, die unerklärlich erscheint. Eine Lücke, die Fragen aufwirft – und die sich, wenn man nach Antworten sucht, langsam mit Leben füllt.

In diesem Fall geht es um eine 18, um eine 48 und um Kindheit in Deutschland.

Auf die erste Zahl stießen wir in einer Statistik: Im Landkreis Cloppenburg, westliches Niedersachsen, verlassen 18,4 Prozent aller Schülerinnen und Schüler die allgemeinbildenden Schulen mit Abitur. Das ist wenig, im bundesweiten Durchschnitt sind es fast 35 Prozent. Wir riefen die Leiterin des größten Gymnasiums vor Ort an. Sie war verblüfft und ein wenig ratlos angesichts der Zahl. Dann sagte sie, ihr Bruder leite auch ein Gymnasium, in Braunschweig, östliches Niedersachsen. Wie es wohl in der Stadt aussehe?

Ein zweiter Blick in die Statistik. 48 Prozent.

18 und 48. Cloppenburg und Braunschweig. Gerade einmal 200 Kilometer voneinander entfernt. Dasselbe Bundesland, dieselben Lehrpläne. Wie erklärt sich da solch ein Unterschied? Was erzählt er über Kindheit und Jugend da wie dort, über den Zusammenhang von Wohnort und Werdegang, über unterschiedliche Milieus und Erwartungen ans Leben?

An einem Tag im Februar ist Annette Ovelgönne-Jansen, die Leiterin des Clemens-August-Gymnasiums in Cloppenburg, nach Braunschweig gefahren, zu ihrem Bruder Volker Ovelgönne, der dort das Wilhelm-Gymnasium führt, seinerseits auch das größte der Stadt. Es ist Mittag, die Schule leert sich, und im Direktorenzimmer beginnt ein Gespräch.

DIE ZEIT: Frau Ovelgönne-Jansen, Herr Ovelgönne, welche Zahl überrascht Sie mehr – die 18 oder die 48?

Annette Ovelgönne-Jansen: Mich die 18.

Volker Ovelgönne: Mich auch. Und die Tatsache, dass die Differenz so groß ist.

Annette Ovelgönne-Jansen: Mich lässt das nicht mehr los, seit Sie angerufen haben. Meine erste Erklärung hängt mit den Distanzen bei uns auf dem Land zusammen. Wir haben Schüler, die aus entlegenen Dörfern kommen. Und dort teilweise aus entlegenen Häusern, wo Wege hinführen, die keine Straßennamen mehr haben. Diese Kinder sind morgens eine Stunde unterwegs. Erst mit dem Fahrrad zur Bushaltestelle, dann mit dem Bus in die Stadt, dann zu Fuß zu uns. Und nachmittags alles wieder zurück.

ZEIT: Ein Kind aus dem Cloppenburger Umland muss das Abitur schon sehr wollen, meinen Sie?

Annette Ovelgönne-Jansen: Ja. Will es diesen Weg auf sich nehmen? Wagt es das, wenn das Grundschulzeugnis eher mittel ist? Und wenn all seine Freunde auf die Oberschule ganz in der Nähe gehen?

ZEIT: Oberschulen sind bei Ihnen das, was früher Haupt- und Realschulen waren?

Annette Ovelgönne-Jansen: Genau. Und das ist immer noch die Art von Schule, auf die hier die meisten Kinder gehen.

Volker Ovelgönne: Wir haben es eher mit einem Bildungsbürgertum zu tun, das nicht zögert und zweifelt. Es gibt gut situierte Familien im Umland, in Orten wie Wolfenbüttel oder Königslutter, die der Ansicht sind, die Gymnasien da seien nicht gut genug. Die schicken ihre Kinder also trotz der weiten Wege zu uns. Wohl auch, weil wir Latein ab Klasse fünf anbieten. Das könnte zum Teil die hohe Zahl 48 erklären. Aber die meisten Schüler kommen aus der direkten Nachbarschaft, aus dem Östlichen Ringgebiet – das wird in Braunschweig auch liebevoll Pfötchenviertel genannt.

ZEIT: Pfötchenviertel?

Volker Ovelgönne: Na, da tragen alle diese Jack-Wolfskin-Jacken mit der Pfote im Firmenlogo. Und fahren Ostern in die Toskana. Ist natürlich ein Klischee, aber ein wunderbares! Das Pfötchenviertel ist halt bio-bürgerlich. Die Kinder kommen zu Fuß oder mit dem Rad.