Four Pianos, Four Pieces nennt Alexander Melnikov, der nachdenkliche unter den Pianisten der Gegenwart, seine neue CD. Zwar hat der 45-Jährige hier absolute Klassiker des Repertoires aufgenommen, präsentiert diese aber in neuem Licht, indem er sie auf drei historischen Instrumenten spielt: Schuberts Wanderer-Fantasie auf einem Wiener Alois-Graff-Flügel, gebaut nach 1828, die Etüden op. 10 von Chopin auf einem Pariser Érard von 1837, Liszts Reminiscences de Don Juan auf einem Bösendorfer von 1875 und Strawinskys Pétrouchka schließlich auf einem großen modernen D-Flügel aus dem Hause Steinway.

Weil Melnikov nicht nur die Spieltechniken jedes einzelnen Flügels zwingend erklären kann (in dem von ihm verfassten Booklet), sondern auch ein überzeugender Musiker ist, beginnt das Verhältnis von Werk und Instrument zu leuchten. Dabei zielt Melnikov nicht auf einen historisch-musealen Klang: Ihm geht es um verborgene Farben und darum, dem Bekannten ungeahnte Sphären aufzuschließen. So gewinnt im zweiten Satz der Schubert-Fantasie das verarbeitete Wanderer-Lied eine zerbrechlich-tragische Aura wie sonst kaum; und im scheinbar extrovertierten Presto nimmt die Piano-Phase ab Takt 78 einen zaubrisch-idyllischen Klang an, der sich im Trio des Satzes fortsetzt und aufhorchen lässt. Auf einmal wird das Ohr neu gefordert.

Ähnliches ereignet sich bei Chopin, bei dem man die E-Dur-Etüde in ungewohnt natürlichem Fluss erleben kann und überhaupt alles Virtuose in eine fast gefährliche Innerlichkeit umschlägt. Liszt wiederum, der auf heutigen Instrumenten gerne übersteuert wird, kehrt bei Melnikov zurück aus dem nur Artistischen dieser Musik über Musik, zurück in den Gefühlsgehalt jener vier Mozart-Szenen aus dem Don Giovanni, die hier zugrunde liegen. Dass der Russe für Strawinsky den monumentalen Steinway wählt, nimmt die Musik, die mit dem Klavier als Schlaginstrument an Grenzen geht, einerseits beim Wort; andererseits durchdringt er sie strukturell und setzt sich damit von den üblichen Gewaltakten ab. Seine Interpretation ist schlichtweg echter, zumal da Pétrouchka, wie er im Booklet zitiert, "das Leben selbst" sei (Nikolai Mjaskowski). Und so ermutigen Melnikovs Vergegenwärtigungen des Vergangenen dazu, im Vergangenen die eigene Gegenwart zu suchen.

Alexander Melnikov: "Four Pianos, Four Pieces" (Harmonia Mundi)