Wer der Mezzosopranistin Anita Rachvelishvili auf Facebook oder Twitter folgt, kommt nicht nur in den Genuss der üblichen Rollenfotos aus New York, Paris oder Wien (als Carmen, Azucena, Amneris, Santuzza), sondern auch von Schnappschüssen ihres Sportmopses Frankie (längere Beine, längere Schnauze) und ihres frischgebackenen Ehemanns: Küsschen tauschend in Venedig, Gassi gehend im Central Park, Impressionen aus einem glücklichen Leben. Die 33-Jährige, die gerade eine Weltkarriere macht, genießt, was ihr widerfährt, den Erfolg, die Liebe, und lässt ihre Fans von Herzen daran teilhaben. Sicher dürfen Marketingstrategien nicht mit Menschen verwechselt werden, zumal da das Klischee der barocken, schwarzlockigen, glutäugigen Georgierin im Opernzirkus allzu leicht zu bedienen ist. Rachvelishvili aber gelingt es, Seele zu zeigen – weshalb neben aller Musik eben auch Mann und Mops von Wichtigkeit sind.

Eine Stimme, auf Anhieb, wie ein Vulkan: magmafarben funkelnd, voller pfeffrig-feuriger Noten und in ihrer Urwüchsigkeit kaum zu bändigen. Ein tolles Organ indes haben viele. Was Rachvelishvili auszeichnet, ist ihr meisterinnenhaft differenzierter Umgang mit dem Repertoire. Dieser Sängerin bleibt keine dramatische Nuance verborgen, und in welchem Fach sie sich gerade bewegt, das hört man ihr beim bloßen Einatmen an. Ob Saint-Saëns’ Dalila oder Rimski-Korsakows Ljubascha, ob Verdis Eboli oder Massenets Charlotte: Es ist, als reagiere ihr Stimmapparat mit feinsten Synapsen auf die jeweilige sprachliche und musikalische Idiomatik, ja als versetzten die Notentexte ihn in einen Zustand intuitiver Osmose. Rachvelishvilis Mezzo begreift, ohne zu klügeln, und dass dahinter sehr viel sehr harte Arbeit steckt, macht ihn noch attraktiver.

Wer Gelegenheit hatte, die Georgierin 2009 bei ihrem Durchbruch an der Mailänder Scala zu erleben (Daniel Barenboim entdeckte sie damals als Carmen) oder 2013 in Berlin in Rimski-Korsakows selten gespielter Oper Die Zarenbraut, ahnt vielleicht, dass sie mehr Bühnendarstellerin ist als geborene Schallplattensängerin. Ihrer Debüt-CD tut das keinen Abbruch. Das einzige wirklich unbekannte Stück darauf (neben einigen Versprechen!), eine Cavatine aus Dimitri Arakishvilis Die Legende von Shota Rustaveli, singt sie mit mächtig viel Stolz und Schmerz und einem Schmelz in der Stimme, der einen darauf vertrauen lässt, dass diese Künstlerin ihre Wurzeln tief im Osten niemals vergessen wird.

Anita Rachvelishvili: Anita (Sony)