Eigentlich sollte es vorbei sein mit der "neuen deutschen Popmusik". Spätestens seit Jan Böhmermann den Beweis geführt hat, dass sogar Schimpansen aus dem Gelsenkirchener Zoo im Stil und mit der Haltung von Max Giesinger oder Christina Stürmer musizieren können. Mit Sarkasmus aber ist dem epidemischen Bedürfnis nach einem Schlager nicht beizukommen, der alles andere sein will als sarkastisch. Gefühlsecht und streichzart präsentiert sich auch Antje Schomaker, der aktuelle Neuzugang in der Phalanx radiotauglicher Befindlichkeitsmusiker.

Dabei ist die 25-Jährige kein Produkt einer zynischen Industrie, sondern ganz Kind ihrer Zeit. Sie war ein großer Fan von Bosse, schon bevor sie in dessen Vorprogramm auf Tournee gehen durfte. Über Coldplay, Wir sind Helden und Johannes Oerding ist die studierte Musikwissenschaftlerin nicht nur bestens informiert. Sie ist damit einverstanden. Mit ihrem Debüt Von Helden und Halunken will sie ihre Helden nicht hinrichten. Sie will ihnen das Wasser reichen, auch wenn es abgestanden sein mag. "Das Leben ist kein Tomte-Song, vergiss die Poesie", behauptet Schomaker – um danach exakt das Studentenfutter zu liefern, das ihre Vorbilder berühmt gemacht hat.

Flockiger Gitarrenpop ist das, der sich ohne Umweg dem nächstbesten euphorischen Refrain in die Arme wirft. In dem dann zuverlässig Herzen schmerzen, schlagen, gestohlen werden oder brechen. Schomaker "tanzt auf den Tischen" und ertränkt sich in Gläsern, "’n bisschen Kamikaze", aber auch nicht zu viel: "Wir suchen ein Gefühl und besitzen’s auf Kredit". Widerständig ist diese Musik nur insofern, als sie auf die Vorgaben der diskursiven Geschmackspolizei pfeift. Hier wird nicht vorschriftsmäßig an der Zeit gelitten. Es wird nur gewünscht, dass sie manchmal kurz anhalten möge: "Mein Herz braucht eine Pause". Das klingt brav und angepasst und ist es vermutlich auch. Zugleich ist dieses Leiden an der Uneigentlichkeit, diese ausgestellte Empfindsamkeit, dieses störrische Beharren auf ein wenig Pathos aber auch anrührend.

Wenn es in dieser Musik ein Versprechen gibt, das über das Übliche hinausweist, dann liegt es allein in der Stimme. Antje Schomaker besitzt das wundervoll rauchige Timbre eines echten Naturtalents. Es wäre ihr zu wünschen, dass sie mit diesem Kapital eines Tages mehr anstellt, als es in die Produktion von Gebrauchsmusik zu investieren.

Antje Schomaker: Von Helden und Halunken (Columbia)