Bisweilen sorge ich mich um Jonathan Ive. Kennen Sie den? Ive, den man offenbar gern Jony nennen darf, nie aber Jonny, ist der Chefdesigner von Apple. Er entwirft die iPhones. Wahrscheinlich ist Ive damit einer der einflussreichsten Menschen unserer Zeit. Er bestimmt die Welt der Smartphones, jener Geräte, die die Menschheit von Accra bis Zürich täglich stundenlang befingert.

Ive geht es mutmaßlich gut, wobei ja auch der erfolgreichste Mensch privat ganz unglücklich sein kann, das lässt sich aus der Entfernung nur schwer sagen, und warum also sollte man sich nicht auch mal fragen, ob alles klar ist bei ihm?

Mich persönlich beschäftigt die Tatsache, dass Jonny Ive, sorry Jony, so viel Kraft in die Schönheit seiner Schöpfungen steckt, nur damit sie dann fast immer hinter irgendwelchen hässlichen Hüllen verschwinden. Das feine Werk chinesischer Wanderarbeiterhände, das Jonny sich liebevoll ausgedacht hat und selbst so gut zu finden scheint, dass man, wenn er darüber erzählt, manchmal fast das Gefühl kriegt, er würde, wenn es ginge, auch mit dem iPhone schlafen oder es zumindest verspeisen. Er hat in einem Interview zum neuesten iPhone X kürzlich auch erzählt, wie oft er die Hoffnung verlieren wollte, dass er noch mal so ein tolles Telefon hinkriegt, das sind richtig existenzielle Situationen für ihn. Aber dann hat er es doch geschafft! Doch auch dieses iPhone steckt in Hüllen.

Jonnys Schöpfungen zerbrechen eben sehr leicht. Man muss sie verkleiden. Leider, Jonny, leider! Sonst ist das Handy schon nach dem ersten Sturz hinüber, dann sind 1.150 Euro weg. Wie bei so vielen Dingen im Leben ist auch beim iPhone der Preis der Schönheit ihre Zerbrechlichkeit. Also wird Jonnys Perfektion versteckt, als trüge Audrey Hepburn Givenchy unter einer Burka.

Ich habe mich manchmal gefragt, ob das Jonny was ausmacht, und dann habe ich letzte Woche die Antwort gefunden.

Und zwar hat Apple sich in Kalifornien ja eine neue Firmenzentrale gebaut. Der Architekt war Norman Foster, Jonny durfte helfen. Das neue Gebäude sieht super aus, das iPhone X der Architektur nachgerade, war auch teuer, fünf Milliarden Dollar soll es gekostet haben, fünf Elbphilharmonien. Ein Traum aus Holz, Beton und Glas.

Das Glas, so las man vergangene Woche, ist jetzt aber ein Problem geworden. Es ist so toll durchsichtig und so gekonnt platziert, dass die Apple-Mitarbeiter es gar nicht sehen können, nun regelmäßig dagegenrennen und sich dabei dermaßen wehtun, dass schon mal der Arzt gerufen werden muss. Bestimmt sind die Scheiben bei Apple aus Gorilla Glas, das ist das beste Glas, aus dem auch die iPhones gebaut werden, es ist extra hart. Die Mitarbeiter von Apple haben, so hörte man, angefangen, Sticker und Zettel auf die Glaswände zu kleben, um weiteren Kontakt zu vermeiden. Das aber wurde verboten, weil es das Design des Gebäudes ruinieren würde.

Ich bin mir sicher: Diese Weisung kam von Jonny höchstpersönlich. Wo er die Kontrolle hat, gibt es weder Sticker noch Hüllen. In seiner Welt geht Schönheit über alles. Denn was ist schon das Blut seiner Mitarbeiter, hat er selbst doch Schweiß und Tränen geopfert.