Der Weg nach Deutschland führt durch eine Glastür. Lächelnd betritt Anis Ben Hamida ein Ladenlokal im Zentrum von Tunis, das "Deutsch-tunesische Zentrum für Jobs, Migration und Reintegration". So steht es auf einer Metallplatte neben der Tür. "Heute Nachmittag um zwei Uhr fliege ich", erzählt Ben Hamida aufgeregt. Seinen Koffer muss er noch packen, dann ist er bereit: Morgen früh, wenn andere Tunesier durch diese Glastür gehen, wird Ben Hamida nicht mehr hier sein, sondern in Nürnberg bei einem Pumpen-Hersteller arbeiten.

Würde es mit den Kunden in diesem Zentrum immer so laufen, hätte die Bundesregierung ein Wunder vollbracht. Aber Anis Ben Hamida ist nicht der Normalfall, sondern die Ausnahme.

Als Ingenieur will Ben Hamida ein besseres Leben führen in dem Land, das ihm so bekannt ist für seine Technologie, seine Ordnung, seine Höflichkeit. An diesem Tag verabschiedet er sich im Beratungszentrum von den beiden Frauen, die ihn dabei unterstützt haben. Die eine, Aylin Türer-Strzelczyk, arbeitet für die deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und ist für diese Einrichtung verantwortlich. Für sie ist Ben Hamida ein Glücksfall. Einer jener gut ausgebildeten Menschen, die auf dem deutschen Arbeitsmarkt tatsächlich eine Chance haben.

Vor gut einem Jahr eröffnete der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller das Zentrum – als eine gemeinsame Einrichtung der GIZ und der tunesischen Arbeitsagentur. Seither versuchen die Berater, hier drei Aufträge der Bundesregierung gleichzeitig zu erfüllen: Sie sollen Fachkräfte wie Ben Hamida nach Deutschland vermitteln. Sie sollen aus Deutschland zurückgekehrte Tunesier dabei unterstützten, sich wieder in ihrer Heimat zurechtzufinden. Und sie sollen jenen Tunesiern, die keine Chance auf ein Visum für Deutschland haben, dabei helfen, doch noch in Tunesien glücklich zu werden. Damit diese nicht illegal über das Mittelmeer nach Norden aufbrechen.

Solche Beratungsstellen hat die Bundesregierung nicht nur in Tunis eingerichtet. Es gibt sie von Westafrika bis in den Nahen Osten in mittlerweile sieben Ländern, Beratungen in drei weiteren Ländern sind geplant. Die Zentren sollen umsetzen, was im politischen Deutschland als "Fluchtursachen bekämpfen" bezeichnet wird. Aber wem wird dort eigentlich mehr geholfen? Den Menschen vor Ort – oder den Deutschen?

Nachdem Anis Ben Hamida sich verabschiedet hat, sortiert eine Beraterin an einem Schreibtisch Lebensläufe. Vor ihr stehen, bereit für die nächsten Kunden, zwei Plastikstühle mit roten Polstern. Doch an diesem Vormittag bleiben sie leer. 2.000 Tunesier wollte das Entwicklungsministerium im vergangenen Jahr erreichen, es wurden ein Viertel weniger. Nur in den Tagen direkt nach der Eröffnung, über die viele lokale Medien berichteten, hätten sich Besucher im Ladenlokal gedrängt. Sie kamen, angezogen vom Versprechen, das der Name dieser Einrichtung in sich trägt.

Als die Regierung in Tunis kürzlich die Steuern erhöhte, demonstrierten Tausende

Sieben Jahre nach der tunesischen Revolution ist die damalige Hoffnung weitgehend dahin. Die Arbeitslosigkeit liegt bei mindestens 15 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit ist doppelt so hoch. Der tunesische Dinar verliert stark an Wert, und auch nach dem Sturz des Diktators Zine el Abidine Ben Ali haben die demokratisch gewählten Regierungen nach Ansicht vieler Tunesier die Korruption nicht beseitigt. Als Anfang des Jahres ein Gesetz in Kraft trat, mit dem die Regierung Steuern und Preise unter anderem für Heizöl erhöhte, mündete der Frust in Szenen, die an 2011 erinnerten: Tausende im ganzen Land demonstrierten, Autoreifen und Müllcontainer gingen in Flammen auf.

Mehr und mehr Tunesier verlassen ihre Heimat

Mit Protest eine bessere Zukunft einzufordern ist ein Weg, auf die aussichtslose Lage zu reagieren. Aber mehr und mehr Tunesier wählen einen anderen: Sie verlassen ihre Heimat. Im vergangenen Jahr registrierten italienische Behörden knapp 8.000 Tunesier, die das Mittelmeer mit Booten überquerten. Für das kleine Land mit nur gut elf Millionen Einwohnern ungewöhnlich viele. Spricht man mit jungen Tunesiern, kennen viele einen Cousin oder Nachbarn, der sich aufgemacht hat. Oft träumen sie selbst von einem Job in Europa und Möglichkeiten, die sie wieder glauben lassen, dass sie in ihrem Leben noch viel erreichen können. Das deutsch-tunesische Zentrum für Migration scheint ihnen dabei zu helfen.

Einer, der daran glaubte, drückt später an diesem Tag in Tunis die Glastür zum Beratungszentrum auf: Aymen Sassi, 29. Wie wichtig dieser Termin für ihn ist, zeigt schon sein Outfit: Sassi trägt Feinstrickpullover, Hemd und Krawatte. Vor einigen Monaten kam er zum ersten Mal, angelockt von der Facebook-Seite des Beratungszentrums: Deutsche Hotels suchten Tunesier, hieß es da. Voller Hoffnung brachte er ein Formular mit, in das er eingetragen hatte, dass er kein Deutsch spricht, aber Erfahrungen im Hotelgewerbe hat und schon länger arbeitslos ist. Heute erzählt er seiner Beraterin nur: "Es gibt nichts Neues, ich warte noch."

Oft werden die Interessenten abgelehnt – und sind entsprechend frustriert

Schon lange wartet Sassi nicht mehr auf deutsche Hotels, sondern auf eine Stelle in Tunis. Er erfülle die Kriterien für das deutsche Programm nicht, sagte ihm die Beraterin im ersten Gespräch. Stattdessen empfahl sie ihm ein Zentrum für Weiterbildung, das nur ein paar Straßen entfernt liegt und an dem die GIZ ebenfalls beteiligt ist. Mittlerweile hat Sassi dort eine Umschulung zum Community-Manager für Social Media gemacht. Statt um Hotelgäste soll er sich um Nutzer von Facebook kümmern. Dieser Job ist auch in Tunis relativ neu und werde zurzeit öfter vergeben als eine Stelle in einem Hotel. Das zumindest hatte ihm seine Beraterin erzählt. So soll er nun endlich Arbeit finden und darüber Deutschland vergessen.

Quelle: Bamf, GIZ © ZEIT-Grafik

Die Spannbreite der Beraterarbeit ist groß. Und das hat einen einfachen Grund. "Für Tunesier ist es nicht einfach, ein Arbeitsvisum für Deutschland zu bekommen, die Möglichkeiten der legalen Migration sind beschränkt", sagt sie. Ein Arbeitsvisum ist für einen Tunesier praktisch die einzige Möglichkeit, legal nach Deutschland zu gelangen. Deshalb beginne eine Beratung immer mit zwei Fragen, sagt sie: "Was sind die Profile, die in Deutschland gesucht werden, und passen die Leute da rein?" Gute Chancen auf deutsche Jobs und deutsche Visa haben derzeit Ärzte, Pflegehelfer, Naturwissenschaftler und Ingenieure. In Tunesien arbeitslos aber sind viele Akademiker, die ganz anderes studiert haben. Menschen, die im Tourismus arbeiteten, der seit den Terroranschlägen schlecht läuft. Oder Menschen, die bisweilen nicht einmal Lesen und Schreiben können, jeder fünfte Tunesier ist Analphabet.

Dem Großteil ihrer Kunden empfehlen die Beraterinnen deshalb Weiterbildungen, passende Stellenangebote oder Mikrokredite, mit denen sie ein Café eröffnen können. Damit die Arbeitssuchenden vor Ort ihren Lebensunterhalt verdienen können und vor allem: in Tunesien bleiben. Immer wieder erläutern sie diesen Kunden auch, wie gefährlich die Fahrt über das Mittelmeer ist. "In der Realität ist das die größte Aufgabe", sagt Türer-Strzelczyk. So findet hier im deutsch-tunesischen Beratungszentrum vor allem eine Art von Begegnung statt: Tunesier, die nach Deutschland wollen, treffen auf die staatliche deutsche Entwicklungshilfeorganisation, die sie davon abzubringen versucht. Viele reagierten dementsprechend frustriert, sagt Türer-Strzelczyk. "Wenn man den Leuten aber die Chancen hier vor Ort aufzeigt und ihnen die Schwierigkeiten erklärt, die ein Umzug nach Deutschland mit sich bringt, wie eine völlig andere Kultur oder eine fremde Sprache, dann leuchtet es den meisten ein, hierzubleiben."

1,4 Millionen Euro kostet Deutschland das Beratungszentrum in Tunis bis 2020. Hierzulande wird die Arbeit zusehends hinterfragt. "Die Bundesregierung lässt keinen Zweifel daran, dass es in der Beratung vor allem darum geht, Menschen davon abzuhalten, zu kommen. Ich befürchte, dass der humanitäre Schutz der Personen dabei keine besondere Rolle spielt", sagt Luise Amtsberg, die flüchtlingspolitische Sprecherin der Grünen. Jan Schneider, Leiter des Forschungsbereichs für Integration und Migration des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen, sagt: "Es spricht nichts dagegen, dass eine deutsche Institution Menschen Wege vermittelt, die für Deutschland von Interesse sind. Solange man den Menschen vor Ort sinnvolle Angebote macht, die ihnen persönlich wirklich helfen. Wenn das Land strukturschwach ist, ist es aber sehr schwer, den Menschen vor Ort mit einer Beratung nachhaltig zu helfen."

Dem widerspricht GIZ-Managerin Türer-Strzelczyk: "Auch wenn die wirtschaftliche Lage hier schwierig ist: Es gibt immerhin 180.000 unbesetzte Stellen." Mit Förderprogrammen, die von der Landwirtschaft bis zur Solartechnik vieles abdecken, versucht die Organisation, weitere Arbeitsplätze zu schaffen.

Aymen Sassi verlässt das Beratungszentrum in Tunis auch an diesem Tag als Arbeitsloser. Verdient er auch in den nächsten Monaten kein Geld, will er doch noch einmal versuchen, einen Weg nach Europa zu finden.