Herkunft zählt. Santiago de Cuba zum Beispiel, Kubas zweitgrößte Stadt: ein Arbeiterviertel, in dem auf Schritt und Tritt kubanische Gesänge zu hören sind, populäre Rhythmen und Tänze. Wenn man dort aufwächst, dann werden die Melodien zu Teilen der Identität, gespeichert in den geheimnisvollen Prozessen der Biochemie. Dort lagern auch die Erinnerungen an eine Jugend, in der man Zeit und Energie auf das Repertoire der europäischen Kunstmusik verwandte.

Wenn man so einer ist wie der im Jahr 1973 in Santiago de Cuba geborene Aruán Ortiz, der zunächst Violine lernte, dann zur Bratsche wechselte, bevor er mit 19 das Klavier zu seinem Instrument machte. Der sich in Havanna zum Konzertpianisten ausbilden ließ, in Barcelona dem Jazz begegnete, in Boston sein Können verfeinerte und sich später den amerikanischen Pianisten und Komponisten Muhal Richard Abrams als Mentor suchte, den Avantgardisten aus Chicago, der Ortiz darin bestärkte, sich von stilistischen Vorgaben zu lösen und den Fluss seiner Inspiration auch mit außermusikalischen Ideen anzutreiben.

Philosophische, künstlerische, mathematische, physikalische Konzepte grundieren nun die Kompositionen und Improvisationen von Aruán Ortiz. Mittlerweile ist er in Brooklyn angekommen, im Zentrum des Gegenwartsjazz, und mit seiner Musik, in der sich verschiedene Bewusstseinsschichten aneinander reiben und Funken schlagen, ist er ein großes Versprechen des Genres.

Live in Zurich ist der Mitschnitt eines Konzerts, das Ortiz mit dem Bassisten Brad Jones und dem Schlagzeuger Chad Taylor, zwei Musikern aus New York, im November 2016 in Zürich gab. Die Idee, es zu veröffentlichen, entstand erst im Nachhinein unter dem Eindruck der Fülle. Auf der Basis von Kompositionen mit programmatischen Titeln wie Analytical Symmetry oder Fractal Sketches, die Ortiz bereits auf dem Album Hidden Voices vorgestellt hat, entfaltet das Trio in einem schwindelerregenden Ineinandergreifen divergenter Klänge und Stimmen die Wucht eines musikalischen Mahlstroms, in dem immer wieder Tönungen aufscheinen: Sie erzählen von Santiago oder vom Wien des 19. Jahrhunderts, von Chicago, Brooklyn oder Barcelona. Von einem musikalischen Leben, das über seine Erinnerungen hinausgeht.

Aruán Ortiz Trio: Live in Zurich (Intakt Records)