"Das habe ich schon gemacht, ist nur eine Nummer größer." Mit dieser Einstellung sind schon so einige Minister ins Auswärtige Amt gezogen, erinnert sich ein erfahrener Diplomat. Und er erzählt, wie es dann stets weitergeht: Der Neuling nimmt Platz, Mitarbeiter schnallen ihn fest – und schießen ihn dann durch die Welt der globalen Krisen und deutschen Interessen. Mit aller Gewalt presst es den frisch ernannten Minister in den Sitz. Die ungeheure Beschleunigung zerrt an ihm. Er weiß nicht, wo er zuerst hinschauen soll, Mitarbeiter reichen immer neue Vorlagen, die Besucher stehen Schlange, die Reporter nerven mit Fragen, das permanente Scheinwerferlicht beginnt die Gesichtshaut auszulaugen.

Kein Außenminister, so berichtet der Diplomat, hatte es sich so vorgestellt. Keiner hatte auch nur eine leise Ahnung von der schieren Menge der neuen Themen, von Abidjan bis Zchinwali, von der Vielzahl der neuen Gesichter und Spieler aus aller Welt – und auch nicht von den Erwartungen der 11.600 Mitarbeiter, die sich als die Elite der deutschen Ministerialbürokratie verstehen. Willkommen am Werderschen Markt im Auswärtigen Amt.

Ausgerechnet jetzt, ausgerechnet in einer Zeit, in der die Welt zunehmend verrücktspielt, übernimmt mit Heiko Maas ein außenpolitischer Neuling das Auswärtige Amt. Er wird es mit Problemen zu tun haben, die leicht zu beschreiben und schwer zu lösen sind, wie Giftgas in Syrien oder Atomwaffen in Nordkorea. Dann mit Problemen, die schwerer zu verstehen und schwer zu lösen sind, Huthi im Jemen, Dschihadisten in Mali, die Rohingya. Und mit Begriffen, die wirklich nur noch Diplomaten entschlüsseln können, das "Normandie-Format" oder das "JCPOA", hinter dem sich das Atomabkommen mit dem Iran verbirgt. Mit alldem hat sich Maas bisher bestenfalls als interessierter Beobachter auseinandergesetzt. Erst am Donnerstag vor einer Woche erfuhr der Sozialdemokrat und bisherige Bundesjustizminister von seiner Berufung. Noch vor kurzer Zeit dachte Maas darüber nach, welche Rolle er wohl künftig in der Opposition einnehmen würde. Jetzt stellen sich ihm zwei deutlich anspruchsvollere Fragen: Wie lernt man Außenpolitik? Und: Wie werde ich im Raketentempo vom Laien zum Fachmann?

Außenminister laufen stets Gefahr, als weltreisender Kommentator aufzutreten. Maas’ Vorvorvorgänger Guido Westerwelle spielte diese Rolle. Auf Auslandsreisen erklärte er Journalisten die fernsehgerechte Oberfläche internationaler Beziehungen, manchmal stundenlang, sodass am Ende leider keine Zeit mehr blieb für Fragen, die die Oberfläche durchbrochen hätten. Um sich als Gestalter zu profilieren, suchte sich Westerwelle dann auch noch das falsche Thema aus. Im ersten Jahr seiner Amtszeit verkämpfte er sich mit einer Kampagne für den Abzug der US-Atomwaffen aus Deutschland. Da schauten zwar viele hin, doch als deutscher Außenminister hatte er keinen Zugriff und erreichte wie zu erwarten – nichts.

Maas weiß um diese Falle. Daher darf man davon ausgehen, dass er – noch bevor er diese Woche offiziell seinen neuen Dienst antritt – Kontakt mit dem Planungsstab des Auswärtigen Amtes aufgenommen hat. Diese kleine Truppe von Diplomaten ist so etwas wie die Denkfabrik des Außenministers, sie entwirft Politik über das Tagesgeschäft hinaus. Sie füttert Maas mit Dossiers zu den großen Fragen. Der Neue braucht ein Leitthema für seine Amtszeit, ein Gebiet, bei dem er nicht kommentieren muss, sondern gestalten kann. Die Menschenrechte wären ein solches Thema; Recht und Rechtsstaat, der Kampf gegen die Fluchtursachen wären weitere: All das passt zum Juristen Maas. Und es passt zu dem, was ein Außenminister heute leisten muss – und was er noch leisten kann.

Andrea Nahles hat die Berufung von Maas auch damit begründet, dass ihm als Saarländer niemand erklären müsse, wie wichtig Europa sei. Doch Europa ist gar nicht – oder gar nicht mehr – die wesentliche Aufgabe eines Außenministers, obwohl das Amt nach wie vor eine große Europaabteilung hat. Denn Europapolitik ist spätestens seit dem Lissabonner Vertrag 2009 Chefsache – und neuerdings auch zentrales Thema eines anderen Ministers. Ein spanischer Politiker im Europaparlament bringt es auf den Punkt: In Spanien kenne man nur die Kanzlerin und den Finanzminister, den Außenminister nehme niemand wahr. Das zeigt: Die Europäische Union ist für Berlin seit Langem schon Innenpolitik. Deutsche Außenpolitik beginnt (meistens) erst jenseits der EU-Grenzen. Darauf stellt sich der Saar-Europäer Maas nun ein, auch wenn er diese Woche – gemäß der Tradition – zuerst nach Paris, Warschau und Brüssel fliegt. Doch weiter draußen ist mehr als genug zu tun.

Zwar sind die Zeiten länger schon vorbei, da ein Außenminister den Regierungschef bei allen Auslandsreisen begleitet, wie das etwa bei Kohl und Genscher oder Kohl und Kinkel der Fall war. Oder dass ein deutscher Außenminister bei jedem Washington-Besuch vom US-Präsidenten empfangen wird. Doch der Verlust des Anhängsel-Status sowie die zunehmenden Verflechtungen einer globalisierten Welt haben dem Außenminister auch neue Gestaltungsräume verschafft: An Europas Grenzen beginnt seine Welt.