Ich lese nicht alle Bestseller vollständig, zu denen ich mich hier äußere. Aber ich versuche es wenigstens. Bei einigen ist mir die Lust aufs Weiterlesen bereits nach dem ersten Satz vergällt, dies war bei Origin von Dan Brown der Fall: "Während die historische Zahnradbahn sich mühsam ihren Weg den schwindelerregend steilen Hang hinaufkrallte, blickte Edward Kirsch auf die gezackten Bergspitzen hoch über ihm." Dieser Autor hält es für nötig, fast jedes Hauptwort mit einem Adjektiv zu versehen, meist ein Zeichen für stilistischen Dünnpfiff – ja, sicher, es gibt Ausnahmen. Nur bei "Weg" spart er sich "schier endlos" oder so was. Eine Ansammlung von Spitzen ist übrigens immer gezackt, außer es geht um Spitzenweine, die sind "vollmundig". Im Vergleich zu Dan Brown ist die viel gescholtene Jojo Moyes (Mein Herz in zwei Welten) eine Virtuosin der Erzählökonomie, ihr Bestseller fängt mit "Es war der Schnurrbart" an.

Ein Bestseller, den jeder gern zu Ende liest, ist Die Zweisamkeit der Einzelgänger von Joachim Meyerhoff. Da geht es um sein frühes Liebesleben, eine Jonglage, bei der drei Bälle gleichzeitig in der Luft sind. Meyerhoff ist als Schauspieler und Autor ein weiterer Beweis dafür, dass Menschen mehrere Talente besitzen können, aber das ist gar nichts gegen Bruce Dickinson, den Leadsänger der Heavy-Metal-Band Iron Maiden. Er ist Historiker, Doktor der Musik und war hauptberuflich Pilot, für die Tourneen von Iron Maiden nahm er immer Urlaub. Außerdem war er Manager der Fluglinie Air Djibouti, Drehbuchautor, Moderator, Fechter, Besitzer eines Zeppelins, der einzige Metal-Musiker ohne Tattoo und Gewinner der Goldenen Himbeere für den schlechtesten Song der Welt, er hieß Bring Your Daughter to the Slaughter und war ein Hit. Dickinsons Memoiren (What Does this Button Do?) sind abwechslungsreich.

Nach den Bäumen und den Bienen sind jetzt die Wölfe an der Reihe, vermenschlicht zu werden. In Die Weisheit der Wölfe von Elli H. Radinger wird ihnen die topmoderne Tugend "Achtsamkeit", zugeschrieben, Fazit: "Wölfe wären die besseren Menschen." Für Vegetarier und Schafzüchter ist das Buch ungeeignet. Müssen wir, um ein Lebewesen zu achten und zu schützen, es wirklich zu unseresgleichen und zum Zeitgeistgenossen erklären? Wie wär’s mal mit Diversity? Fürs nächste Jahr erwarte ich den Titel Die Genialität der Gänse. Wenn man sich die menschliche Geschichte anschaut, wäre uns mit einer Gans als Präsident wirklich einiges erspart geblieben.

Erich Kästners Aufzeichnungen aus der Nazi-Zeit sind unter dem Titel Das blaue Buch posthum erschienen und ein Bestseller. Dort finden sich auch viele Hitlerwitze, die damals im Umlauf waren. Man muss aber schwer aufpassen, weil ein vermutlich total unhumoristischer Ratgeber zur Chemotherapie den gleichen Titel trägt. Fire and Fury, das Enthüllungswerk über Donald Trump, hat ja auch einem gleichnamigen Buch über das Leid der deutschen Zivilbevölkerung während des Zweiten Weltkriegs einen Auflageschub beschert. Wenn ich ein Fan des Fußballclubs VfL Wolfsburg wäre, würde ich jetzt unter Die Weisheit der Wölfe was über meinen Lieblingsclub herausbringen, wer würde es sonst außerhalb von Wolfsburg kaufen? Kästner enthielt sich im Blauen Buch fast jeder Wertung, er sammelte Material für einen Nazi-Roman, der nie geschrieben wurde. Das ist schade. Im Falle von Dan Brown hätte es vielleicht sogar geholfen, nur die Recherchen zu Origin zu veröffentlichen.