Wenn Politiker über Bildung sprechen, tun sie etwas Außergewöhnliches, sie äußern Visionen. Vor zehn Jahren rief Angela Merkel die "Bildungsrepublik" aus; die Jamaika-Sondierer träumten von der "Bildungsnation"; jetzt will die neue Bundesregierung die Republik in ein "Chancenland" verwandeln. "Bildung" steht 273-mal im Koalitionsvertrag. Auf unzählige Vorhaben verpflichtet sich die Regierung; die meisten sind recht sinnvoll – aber viel zu klein.

Nimmt man die Vision vom "Chancenland" ernst, glaubt man, dass ohne Bildung der Einzelne nicht glücklich werden und ohne das Glück der vielen die Gesellschaft nicht zusammenhalten kann – dann reicht es nicht mehr aus, den Schulen hier ein bisschen mehr Geld zu geben oder dort an ihren Strukturen herumzudoktern. Dann nämlich kommt das Scheinriesentum – bei dem Worte groß und Taten mikroskopisch sind – an sein Ende. Kurzum: Was und wie Schüler lernen, muss völlig neu erfunden werden.

Warum sollte es nicht gelingen, doppelt so viele Menschen in Schulen zu beschäftigen?

Die Schulen stehen doppelt unter Druck: von innen, weil sie es seit Jahrzehnten nicht schaffen, deutlich gerechter zu werden – drei von vier Akademikerkindern beginnen ihrerseits ein Studium, besuchten die Eltern keine Hochschule, ist es nur jedes fünfte Kind. 50.000 Jungen und Mädchen verlassen die Schulen jedes Jahr ohne Abschluss. 7,5 Millionen Menschen können kaum lesen und schreiben. In den Schulen wächst der Frust: Gerade gaben 57 Prozent der Schulleiter der Schulpolitik die Noten Vier, Fünf oder Sechs.

Und von außen stürmt die Digitalisierung auf die Schulen ein. Sie entlassen ihre Schüler in eine Welt, in der nicht nur autonom fahrende Laster die Trucker arbeitslos machen, sondern auch akademische Berufe gefährdet sind: Legal-Tech-Programme werden viele Anwälte ersetzen, Computer können Krankheiten besser diagnostizieren als die erfahrensten Ärzte. Die alte Logik des Bildungswettbewerbs – wer mehr weiß, ist erfolgreicher – funktioniert nicht mehr. Den Wissenskampf gegen den Computer kann der Mensch nur verlieren. Bildungserfolg heißt künftig: Neues entdecken und es durch Wissen einordnen. Die Wissensgesellschaft geht auf Entdeckungsreise.

Die Neuerfindung der Schule beginnt mit drei Fragen: Was sollen Schüler lernen? Wie? Und mit wem?

Erstens zerbricht der alte Fächerkanon. Der Chef des Internetriesen Alibaba, Jack Ma, schlug vor, Schüler sollten vor allem das lernen, wodurch sie sich von Maschinen unterscheiden: Teamarbeit, Kunst, Musik. Um sich in der Welt zu orientieren, brauchen Schüler eine neue Universalbildung: Sie sollten begreifen, wie Algorithmen die Welt verändern und Code die Weltsicht; sie sollten Wirtschaft und Gesellschaft verstehen und auch jene überzeitlichen Werte verinnerlichen, ohne die diese Highspeed-Welt zusammenbricht.

Zweitens sind die Schulen im Kern noch so wie vor 60 Jahren, nur mit netteren Lehrern, Computerraum, Gruppenarbeit und Ganztag. Schüler gehen in Klassen (was nicht zufällig an Arbeiter und Bourgeoisie erinnert), beschäftigen sich jede Stunde mit einem neuen Thema und schielen stets auf den nächsten Test. Schüler brauchen Raum, um zu lernen, zu experimentieren, zu toben, auch um abzuhängen, allein, in kleinen Gruppen oder in großen. Unterricht und Gebäude sollten daher umgebaut werden.

Drittens erwartet diese Gesellschaft von den Lehrern, dass sie alles schaffen: Wissen vermitteln, Kompetenzen lehren, Kinder erziehen, Inklusion meistern. Das überfordert sie. Warum sollte es einer Bildungsgesellschaft nicht gelingen, doppelt so viele Menschen in den Schulen zu beschäftigen? "Multiprofessionelle Teams" kümmern sich dann um die Kinder: Lehrer, Sozialarbeiter, Coaches, Physiotherapeuten – neue Jobs entstehen, die nicht digitalisierbar sind, Mensch an Mensch.

Kostet all das Milliarden? Ja! Doch das ist eine lohnende Investition, wenn dadurch Menschen, die ihre Jobs durch die Digitalisierung verlieren, in den Schulen Arbeit und Sinn finden.

Der große Ralf Dahrendorf hat schon 1965 eine "geplante Bildungsrevolution" gefordert. Pessimisten mögen eine Neuerfindung der Schule als illusorisch abtun, ist doch die Geschichte der Bildung eine Geschichte des Scheiterns ihrer Reformen – weil Menschen Angst hatten oder Besitzstände wahren wollten. Realisten werden feststellen, dass die Umwälzung der Welt einem keine Wahl lässt. Und Optimisten werden das lernende Land als Chance auffassen: für eine Gesellschaft, die auch dadurch ihren Zusammenhalt stärkt.

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