Wenn man an einem schlohweißen Februartag mit dem Zug von der nördlichen Stadt Hamburg in die nördlichere Stadt Kopenhagen fährt, sieht man – erst mal nichts. Unterwegs auf Straßen und Plätzen: keine Aufregungsherde zu beobachten. Massenphänomene und Menschenansammlungen der Gegenwart finden nicht im dreidimensionalen Raum statt. Der ist eher für den Transit bestimmt. Sogar wenn es voll wird, wirken die Menschen einsam, wie sie durch Bahnhöfe und Shoppingpassagen huschen, den minutengenau getakteten Zeitplänen der Navigations-Apps auf ihren glatten Geräten folgend. Niemand verschmilzt mit der Menge, auch wo Freizeit genossen wird, im Café oder Fitnessstudio. Da sitzt ein Charakterkopf neben dem nächsten und strahlt vor Einzigartigkeit.

So formt sich kein "Ornament der Masse" mehr, wie es Siegfried Kracauer noch vor hundert Jahren in Stadien und auf den Varietébühnen beobachtet hat, wo die "Tillergirls" ihre Beine synchron in die Luft warfen, sodass einzelne Körper nicht zu unterscheiden waren: "Die Girleinheiten trainieren vielmehr, um eine Unzahl paralleler Striche zu erzeugen", schrieb Kracauer. "Den Beinen der Tillergirls entsprechen die Hände in der Fabrik." Darin sah er das Bedeutungsvolle des scheinbar oberflächlichen Zeitvertreibs: "Das Massenornament ist der ästhetische Reflex der von dem herrschenden Wirtschaftssystem erstrebten Rationalität."

Welche Reflexe bringen die Wirtschaftsformen von heute hervor, welche Muster lässt die digitale Rationalität entstehen, der Plattform-Kapitalismus, die Netzwerk-Ökonomie? Was sind die charakteristischen Massenornamente unserer Zeit? Sie formen sich nicht mehr physisch, sondern in Netzwerken und Datenwolken, einsehbar durch die Geräte, die uns in der dreidimensionalen Welt vereinzeln.

Im digitalen öffentlichen Raum sind die Ornamente der Masse die Meinungskonjunkturen und Shitstorms, die sich durch Retweets und Mentions allmählich zu Fakten verhärtenden Polemiken, Paranoia und Falschnachrichten, das Bot-Geplapper, die Meme-Gewitter. An der Universität Kopenhagen benutzt eine Forschergruppe eine anheimelnd vertraute Metapher dafür: Am Center for Information and Bubble Studies studieren sie Blasen. Klingt leicht, schaumig. Das täuscht, wie wir wissen: Blasen gehören zu den schädlichsten Phänomenen unserer Zeit. Sie spalten Gesellschaften, polarisieren, gefährden Volkswirtschaften, den Frieden und die Demokratie.

Vincent Hendricks, Leiter des 2015 gegründeten Instituts für Blasenstudien, ursprünglich ein Professor der Logik, und einer seiner Doktoranden, der Philosoph Mads Vestergaard, haben eine Handreichung zu dieser Gefahrenlage geschrieben, die voriges Jahr auf Dänisch herauskam. Jetzt erscheint die deutsche Übersetzung. Auf einfache und bestechend klare Art liefert Postfaktisch. Die neue Wirklichkeit in Zeiten von Bullshit, Fake News und Verschwörungstheorien eine Art Grundwissen der Blasenkunde.

Man trifft die Forscher auf dem Campus der Københavns Universitet, der ältesten, zweitgrößten Dänemarks. Vor Kurzem sind da elegante neue Gebäude errichtet worden: eine Batterie sandfarbener Riegel, zwischen denen Fahrräder parken. Das Blasen-Institut liegt etwas abseits. Ihre Diskussionen seien den anderen Wissenschaftlern zu laut, sagt Hendricks und lacht: ein hünenhafter Mittvierziger, der seine Stimme dynamisch dröhnen lässt – Typ Trainer. "Go!", sagt er zu seinem Doktoranden Vestergaard, um ihn zu ermuntern, ein Argument auszuführen. So sportlich führt er ein Grüppchen Doktoranden und Postdocs an, Wissenschaftler verschiedener Disziplinen, Ökonomen, Philosophen, Spieltheoretiker, Physiker und Mathematiker, die ihre Methoden zur Blasen-Analyse beitragen.

Über eine komplizierte Kombination von Gängen, Aufzügen und Treppen wird die Besucherin in ihre hellen, verglasten Büros geführt. Hier also befindet sich die "Blase der Blasen". Der Scherz liegt nahe und muss gemacht werden, auch wenn er nicht ganz stimmt. Blasen werden hier nicht im Sinne abgekapselter Milieus erforscht. Auch Filterblasen, das vom Netzkenner Eli Pariser beschriebene Phänomen der algorithmischen Begrenzung bestimmter Informationen auf bestimmte Internetnutzer, sind nur ein Teilaspekt der Bubble Studies.