Hochbetrieb zu Semesterbeginn, klauende Studenten und Debattenrunden: 42 Jahre lang war die Buchhandlung Luce das Herz des Bielefelder Campus. Jetzt schließt sie.

An einem Freitagabend Ende Februar steht Luce in den Trümmern seiner Existenz. Leere Regale und ein Altpapierberg aus wissenschaftlicher Literatur, die im Räumungsverkauf niemand mehr haben wollte: Strafrechtliche Musterklausuren für die Assessorprüfung, Bestandssituation der Pflanzen und Tiere Sachsen-Anhalts, Grundlagen der Organisationsgestaltung und -entwicklung. Titel, die Studenten nur lesen, wenn ihr Studium sie dazu zwingt.

Marcus Luce ist 51 Jahre alt, ein knorriger Westfale mit Glatze und blauer Fleecejacke. Er hat die Ladentür seiner Buchhandlung von innen zugesperrt, macht sich ein Bier auf, schaut raus. Nur wenige Menschen huschen über den schwarzen Noppenboden der Uni-Halle. Es ist spät, es ist vorlesungsfreie Zeit. Wenn das Sommersemester beginnt, werden die meisten Studenten nicht mitbekommen haben, wie eine Institution vom Campus verschwunden ist.

Am 1. März hat die Buchhandlung Luce nach 42 Jahren geschlossen. Endgültig. 1976 war sie mit den Studenten in das gerade fertiggestellte Hauptgebäude der Universität eingezogen. In ihren besten Zeiten standen hier auf 200 Quadratmetern über 25.000 Titel in den Regalen. Bücher, die Horizonte erweiterten oder dabei halfen, den Wissensdrang eines Studiums zu kanalisieren. Die Buchhandlung, in der es auch Belletristik, Kinderliteratur und Reiseführer gab, war neben der Bibliothek der zweite Wissensspeicher der Universität.

Dass es dem Geschäft zuletzt nicht mehr gut ging, konnten Besucher an den vier Meter hohen Wandregalen ablesen. Erst blieben die obersten Reihen unbestückt, dann taten sich auch in den unteren Etagen Lücken auf. Die Angestellten wurden ebenfalls weniger. Von 22 Mitarbeitern blieben am Ende vier übrig.

Deutschlandweit gab es 2016 nach Angaben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels 4.674 Buchhandlungen. Vier Jahre zuvor waren es noch 5248. Monat für Monat geben Besitzer ihr Geschäft auf. Weil sie keinen Nachfolger finden oder unter der Konkurrenz aus dem Netz leiden. Der Schwund ist mittlerweile Alltag. Wenn aber eine Buchhandlung an einer Universität mit 25.000 Studenten und Hunderten Wissenschaftlern zumachen muss, an einem Ort des Geistes und des Lernens, ist das ein Einschnitt. Zu Marcus Luce hatten die Bielefelder stets gesagt, eine Campusbuchhandlung, das sei doch eine Goldgrube. Schon lange nicht mehr, hatte er dann nur geantwortet.

Woran liegt das? Hat sich die Universität selbst verändert? Oder konnte auch sie den Veränderungen von außen nicht mehr standhalten?

Das Hauptgebäude der Universität Bielefeld, ein funktionales Betongebirge, wird in den kommenden zwei Jahrzehnten in mehreren Abschnitten saniert. Kostenschätzungen belaufen sich auf eine Milliarde Euro. Bei ihrer Gründung 1969 sollte die Universität mit ihrem interdisziplinären Ansatz Antworten auf den Bildungsnotstand in der Bundesrepublik geben. Die 240 Meter lange Uni-Halle, die als Kommunikationsachse zwischen den Fakultäten geplant war, atmet heute noch den Geist der Anfangsjahre. Allerdings eher unfreiwillig. Die rostbraun angestrichenen Stahlpfeiler, das verschmutzte Glasdach, die selbst gemalten Laken der Hochschulgruppen an den Betonbalustraden. "Panzersiggi das Handwerk legen" steht darauf, oder "Free Deniz". Ein wenig wirkt die Halle wie eine Einkaufsmeile, alle paar Meter können Studenten einen Kaffee kaufen.

Als der Vater von Marcus Luce, der Buchhändler Benedikt Luce, 1976 hier seine Räumlichkeiten zwischen Hörsaaleingängen, dem Krämerladen "Eddy" und der Sparkassenfiliale bezieht, sind die Nachbeben von 68 noch zu spüren. Studenten errichten vor dem Gebäude eine Mauer, um gegen die Studienbedingungen zu protestieren. Das politische Klima ist aufgeheizt. Auch in der Buchhandlung wird diskutiert, gestritten und gekämpft. Benedikt Luce lädt die glühenden Antifaschisten Axel Eggebrecht und Walter Fabian ein, die die Lebenslügen der Bundesrepublik anprangern. Landen unliebsame Bücher in der Auslage, ketten sich frauenbewegte Studentinnen an der Ladentür an. Wird ein Student beim Klauen eines Buchs ertappt, brüllt er in die Halle hinaus: "Die Kapitalisten halten mich fest!"

In der Weihnachtszeit geht Benedikt Luce mit einem Bollerwagen voller Spirituosen bei den Fakultätsfesten vorbei, um sich für die Bestellungen des vergangenen Jahres zu bedanken. "Klüngelei war das nicht", sagt der Sohn. So seien die Zeiten eben gewesen. Seine Mutter macht sich in jenen Tagen immer Sorgen, weil ihr sonst so besonnener Mann nachts nach Hause getorkelt kommt. Als er 1990 unerwartet stirbt, steigt Sohn Marcus, der eine Ausbildung zum Verkäufer gemacht und seine Freizeit vor allem beim sozialistischen Jugendverband "Die Falken" verbracht hat, in die Buchhandlung ein. Er erlebt goldene Jahre. Damals gehört es noch zum Initiationsritus eines gelingenden Studiums, zu Semesterbeginn dicke Fachbücher nach Hause zu tragen: den "Großen Atkins" für Chemie, den "Campbell" für Biologie, den "Medicus" für Jura. Luce fährt im Kleinbus zu den Verlagen, um genug Bücher vorrätig zu haben. Zu Semesterbeginn muss er eine Urlaubssperre verhängen.