Kann man sich so etwas vorstellen? Ich war ungefähr zehn Jahre alt, als ich an einem heißen Hochsommertag zehn Kilometer quer durch Hamburg gelaufen bin, fünf Kilometer hin, fünf zurück, um mir von einer Klassenkameradin ein Buch auszuleihen: den zweiten Fünf Freunde- Band von Enid Blyton. Es waren Sommerferien, darum konnte die Freundin das Buch nicht einfach mit zur Schule bringen; und darum hatte ich auch keine Monatskarte, um mit der Straßenbahn zu fahren. Ein Fahrrad besaß ich sowieso nicht. Es half nichts, ich musste es zu Fuß erledigen.

Ich kann mich noch immer an diesen Tag erinnern – und das bedeutet vermutlich, dass er einigermaßen anstrengend war. Aber den nächsten Band erst nach den Ferien lesen? Unvorstellbar. Ich hatte das erste Buch so spannend gefunden, dass ich todunglücklich war, als ich es nach der letzten Seite zuschlagen musste. Ich brauchte den zweiten Band. Sofort!

In der öffentlichen Bücherhalle gab es damals keine Fünf Freunde-Bücher. Man sagte, so was sei "Schmutz und Schund". Ich hatte keine Ahnung, was an den Büchern nicht in Ordnung sein sollte. Und ich wäre noch viel weiter gelaufen, um eins auszuleihen. Ich war inzwischen seriensüchtig.

Warum war das so? Und warum lesen auch heute viele Menschen am liebsten Serien, Kinder und Erwachsene? (Die Erwachsenen sollen nämlich nicht so tun, als wäre es bei ihnen anders.) Natürlich passiert es nur, wenn uns der erste Band gefallen hat, das ist klar. Wenn wir den nicht mögen, greifen wir auch nicht zur Fortsetzung. Aber wenn es uns gefällt, dann wollen wir eben unbedingt wissen, was den Menschen (oder, okay, den Tieren) weiter passiert. Wir kennen sie ja nun, und schon von der ersten Seite an sind wir mitten in der Geschichte. Wir wissen, wen wir mögen, wen nicht und wem wir vorsichtshalber nicht trauen sollten. Wir kennen auch die Welt, in der die Geschichte spielt – die Stadt, das Internat, den Wald oder den Safaripark –, inzwischen ganz genau, und wenn wir wieder davon lesen, ist es ein bisschen, wie nach Hause zu kommen.

Wenn wir ein Lieblingsbuch nach der letzten Seite zuschlagen, ein Buch, in das wir regelrecht hineingekrochen sind und in dem wir mit unseren Gedanken und Gefühlen gelebt haben, dann ist es schrecklich, wenn es zu Ende ist. Wir sehnen uns in die Geschichtenwelt zurück, und das fühlt sich ein bisschen an wie Heimweh. Darum nutzen wir natürlich jede Gelegenheit, zurückzukehren. Her mit dem nächsten Band!

Komisch ist, dass ich trotzdem niemals Serien schreiben wollte. Dass es dann doch so gekommen ist, liegt an den Kindern, die mir Briefe und Mails mit manchmal richtig tollen Vorschlägen geschrieben haben, bis auch ich selbst wieder Lust auf einen weiteren Band von den Kindern aus dem Möwenweg, dem Meerschweinchen King-Kong oder Ritter Trenk hatte. Die einzige Ausnahme sind die drei Bände über den afrikanischen Detektiv und Gentleman Thabo: Für den hatte ich nach meinen Aufenthalten in Swasiland einfach drei Fälle in Hlatikulu gleichzeitig im Kopf, wusste nicht, mit welchem ich anfangen sollte, und habe darum gleich drei Bücher geplant. Mehr aber auch nicht.

Oft heißt es ja, Serien seien keine besonders gute Literatur, und bei manchen finde auch ich, dass das stimmt. Aber sicher nicht bei allen. Und eigentlich ist das auch vollkommen egal: Wenn man die Bücher gerne liest, wenn man dabei sogar schlechte Noten, Ärger mit den Eltern oder Liebeskummer vergessen kann, dann ist das doch großartig! Schließlich sagen die Wissenschaftler, dass Lesen schlauer macht – und auch netter und einfühlsamer. Und zwar ganz egal, was man liest. Auch Serien. Ich jedenfalls lese (und schreibe) sie weiter!