Es dauerte bis zum Sonntagvormittag, ehe die Bundeskanzlerin dem Machtkampf ein Ende bereitete. Wobei: Machtkampf? Außerhalb der CDU bekam kaum einer etwas davon mit. Es war der Kampf um den Posten des Ostbeauftragten der Bundesregierung, er wurde mit Ellenbogen geführt.

Michael Stübgen war lange Zeit vorgesehen gewesen für dieses Amt. Für Stübgen, Bundestagsabgeordneter aus Brandenburg, hatten sich die Unions-Parlamentarier schon starkgemacht, auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer setzte sich für ihn ein, Unions-Fraktionschef Volker Kauder schien zufrieden mit dem Vorschlag, genauso Wirtschaftsminister Peter Altmaier. Mehrere Zeitungen hatten bereits geschrieben, dass Stübgen Beauftragter für die neuen Länder werden solle, und er bestätigte selber: "Ich wäre für die neue Aufgabe bereit." So porträtierte ihn auch die ZEIT (Nr. 11/18). Nur die Kanzlerin hatte sich noch nicht festgelegt.

Wieder einmal hatten alle, auch wir, ihre Rechnung ohne Angela Merkel gemacht – und wieder einmal rächte es sich.

Am Sonntagvormittag, heißt es, habe Angela Merkel bei Michael Stübgen angerufen. Die beiden kennen sich seit 1990, zogen damals gemeinsam in den Bundestag ein. Merkel hatte nicht unbedingt eine schlechte Nachricht für ihn, aber eine andere, als er erwarten konnte: Parlamentarischer Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium von Julia Klöckner solle er werden – nicht Ostbeauftragter. Er, Stübgen, solle sich in den bevorstehenden EU-Verhandlungen über die Landwirtschaftsgelder kräftig für Deutschland und die neuen Länder einsetzen. Als Ostbeauftragten hatte Merkel einen anderen vorgesehen: Christian Hirte aus Thüringen, 41 Jahre alt, ein angesehener Mann innerhalb der CDU-Fraktion, intellektuell, bedacht.

Aber Ostbeauftragter? Er, der zwar für seine Thüringer Heimat kämpft, aber für Ostdebatten bislang nicht gerade brannte?

Hirtes Ernennung gingen lange Kämpfe voraus, und es waren eher Kämpfe um regionalen Einfluss als um Personen. Zumal sich die CDU in den zurückliegenden Jahren eigentlich nicht besonders interessiert hatte für das Ostbeauftragten-Amt. Jetzt aber, da der neuen Regierung kein Unions-Minister aus den neuen Ländern angehörte, kämpften Bundestagsabgeordnete und Landeschefs von Mecklenburg-Vorpommern bis Sachsen plötzlich um diesen Posten, als sei er der interessanteste auf der Welt. Weil er, tatsächlich, das einzige einigermaßen attraktive Amt ist, auf das einer aus der Ost-CDU noch Anspruch erheben konnte.

Zur Ehrlichkeit gehört zunächst einmal: Das Kanzleramt ist auch für viele CDU-Abgeordnete eine Art Blackbox. Wie, wo und warum Merkel entscheidet, wann sie es tut – das können die meisten Parlamentarier weder vorhersagen noch nachträglich erklären. Manchmal hat man das Gefühl, Angela Merkel sei für sie ungefähr so nah- und erreichbar, wie es der Volkswagen-Chef für den Besitzer eines VW-Autohauses ist. Was für die Entscheidung der Bundeskanzlerin also ausschlaggebend war, vermögen die CDU-Politiker des Ostens nicht zu erklären. Wohl aber können sie erläutern, welche Argumente sie vorgebracht haben.