"Debussy sah sehr gut aus, ganz in Schwarz, in einem weich fallenden Hemd und mit wehender Krawatte. Unser Fürst der Finsternis." So erinnert sich ein Freund an den 32-jährigen Komponisten im Frühjahr 1895, im Jahr nach der aufsehenerregenden Uraufführung von L’après-midi d’un faune und kurz vor der nächsten, einer Fantasie für Klavier und Orchester. Doch die sagte er ab, das Finale war ihm nicht mehr gut genug.

Es war also ein höchst anspruchsvoller und schwieriger Typ, auf den sich der Musikverleger Georges Hartmann, seinerseits gebürtiger Bayer, da eingelassen hatte, der in Paris für vielversprechende Komponisten kämpfte und unfassbare Geduld aufbrachte. Auf drei Nocturnes für Orchester etwa, gut 20 Minuten Musik, ließ Debussy ihn vier Jahre warten – und hielt ihn mit Briefen bei Laune. "Werde ich Sie sehr erstaunen", fragt er im September 1898, zwei Jahre nach Beginn der Arbeit, "wenn ich Ihnen sage, dass ich zwei der drei Nocturnes neu gemacht habe?" Anfang Dezember: "Ich werde Ihnen am nächsten Samstag mit Sicherheit ein oder zwei orchestrierte Nocturnes bringen." Zehn Tage später: "Buhen Sie mich aus, aber ich war gezwungen, 20 Seiten der Orchesterpartitur der Nocturnes, die ich Ihnen heute bringen wollte, neu zu beginnen." Vier Monate später gefällt ihm das erste der drei Stücke nicht mehr, er fängt von vorn an. Aus seinen Vertröstungsbriefen könnte man ein Stück machen. Als er auch die letzte Deadline reißt, schreibt Hartmann: "Sie sind ein schrecklicher Mann!"

Die Frauen um Debussy hätten ihm sofort recht gegeben. Auch über sie erfährt man viel in einem Buch, dessen Titel Briefe an seine Verleger kaum ahnen lässt, wie tief es in die Welt dieses Genies führt. 451 Briefe sind hier versammelt, nebst einigen Antworten, und ihr Übersetzer, der Pianist und Debussy-Experte Bernd Goetzke, hat den Anmerkungen aus der französischen Gesamtausgabe so viele eigene hinzugefügt, dass sich ganze Dramen eröffnen – Dramen der Liebe, der chronischen Geldnot, der kreativen Besessenheit und das eines Weltkriegs, vor dessen Ende der Komponist mit 55 Jahren einem Krebsleiden erlag. Weltberühmt geworden vor allem durch seine Oper Pelléas et Mélisande und dennoch mit fast 66.000 Franc (etwa 250.000 Euro) bei seinem zweiten und wichtigsten Verleger verschuldet, Jacques Durand, dem er 342 Briefe schrieb.

Auf eine Auswahl davon stieß Bernd Goetzke vor 20 Jahren, von Durand selbst ediert. Für seine Studenten übersetzte der in Frankreich aufgewachsene Pianist ein paar Passagen, kam auf den Geschmack und machte weiter, bis 2005 in Frankreich die komplette Correspondance erschien. "Ich merkte, dass meine Übersetzungen nicht viel taugten, weil Durand über hundert Briefe aussortiert, viele andere gekürzt und ein bisschen geglättet hatte", mailt Goetzke auf Anfrage. Also begann er noch mal, und der Correspondance- Herausgeber Denis Herlin ermunterte ihn, sich gleich alle Briefe an alle Verleger vorzunehmen. Goetzke übersetzte, wann immer er konnte, "meistens in Flughäfen und Hotels". Dann stieg der Hildesheimer Georg Olms Verlag mit ein. So ist Debussy nun endlich auf Deutsch zu entdecken als der neben Berlioz bedeutendste Briefeschreiber der französischen Musik.

Selbst Debussys Bettelbriefe sind höchst inspiriert. "Ohne eine Parallele zwischen mir und Balzac herstellen zu wollen, da ich in keiner Weise das Format dieser literarischen Kathedrale habe, so habe ich doch zumindest die ewigen Geldsorgen mit ihm gemeinsam sowie die völlige Unkenntnis dessen, was man wirtschaften nennt, und ich denke, wenn eine wunderbare Fügung mir nicht erlaubt hätte, Sie zu treffen, wäre ich auf die unerfreulichsten Beschäftigungen angewiesen, und Pelléas wäre noch in jenen rußigen Gefilden, von denen die Leute zu Unrecht glauben, dass sich das Genie dort verberge." Das schreibt er im Juni 1898, verbunden mit dem Hinweis auf den "Termin", die nächste Mietzahlung. Stattliche 500 Franc muss er entrichten.

Tatsächlich wäre es ohne Hartmann nicht zur Uraufführung von Pelléas gekommen, jener Oper, deren Schockwirkung zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur mit Strawinskys Sacre und der Salome von Richard Strauss verglichen werden kann. Debussy träumte von seinem Werk: "Ich habe einer Probe von Pelléas beigewohnt, in der Golaud [Prinz und Ehemann der rätselhaften Mélisande] sich plötzlich in einen Gerichtsvollzieher verwandelte, der den Wortlaut seiner Vorladung den musikalischen Formeln anpasste, die diese Figur charakterisieren." Um den Gerichtsvollzieher fernzuhalten, half der Verleger dem Komponisten unablässig aus, der seinerseits, höchst belesen, sogar Baudelaire bemühte, um auf seine Heizkosten hinzuweisen. Aber was bedeutet es, dass "Mlle Dupont, mein Privatsekretär, ihre Anstellung gekündigt" hat?

Das war Debussys Art, mitzuteilen, dass er seine Lebensgefährtin Gaby (Gabrielle Dupont) verlassen hatte, um Lilly Texier zu heiraten. Gaby versuchte sich daraufhin das Leben zu nehmen, genau wie fünf Jahre später Lilly. Der Komponist betrog sie mit Emma Bardac, der Frau eines Pariser Bankiers. Das hatte zwei Scheidungen, einen Skandal und beträchtliche Unterhaltszahlungen zur Folge, die nun der Verleger Durand übernahm. Hartmann war 1900 gestorben und erlebte weder die Uraufführung der Nocturnes noch die des Pelléas. Die Oper, bald europaweit nachgespielt, machte Debussy berühmt, und man lud ihn auch als Dirigenten ein. Doch am Pult überforderte ihn – der er als Pianist exzellent war – mitunter die eigene Musik.