Ehekrise: Der französische Komponist Claude Debussy und seine zweite Frau Emma Bardac © Universal History Archive/UIG/Getty Images

Mit anderen ging er gern hart ins Gericht. Einer Sängerin attestiert er "die Emotionalität einer Gefängnistür", Busonis Klavierkonzert findet er "sumpfig", zu Gustave Charpentiers erfolgreicher Oper Louise bemerkt er: "Wie ein widerlicher Rompreisträger macht er Kantilenen an den Mond (...) und schleppt sie durch Lehrbuchharmonien!" Man muss dazu bedenken, dass er selbst viele Gegner hatte und zur Selbstironie durchaus imstande war: "Ich habe hier einen Tisch von 75 cm, um Sachen zu schreiben, die – selbstverständlich – die Welt revolutionieren sollen", schrieb er aus einem Hotel. Solchen Witz entfaltete er vorzugsweise privat. In illustrer Gesellschaft verstummte er; Richard Strauss, der ihn gern kennenlernte wollte, konnte ihm kein einziges Wort entlocken.

Er habe, gesteht er Jacques Durand 1910, "niemals in der Realität der Dinge und der Menschen leben können", sondern er verspüre "das unbezwingbare Verlangen, vor mir selbst in Abenteuer zu fliehen, die unerklärlich scheinen, da ich mich hier als Mensch offenbare, den man nicht kennt, und das ist vielleicht sogar das Beste an mir!" Es trifft ihn im Innersten, als Emma ihm ihren "Groll" gegen seine Musik gesteht. "Was wird aus uns werden?", schreibt er ihr 1913 aus Moskau. "Deine Briefe sind immer verzweifelter." Seine sind es auch. Er fürchtet, Emma zu verlieren, zeigt sich verletzt, sehnsüchtig, ratlos. Goetzke hat die ergreifenden Moskauer Briefe hinzugefügt, "weil ich sie einfach unverzichtbar finde".

Lichtblick in der Ehekrise ist Chouchou, die Tochter der beiden, acht Jahre alt, als der Erste Weltkrieg ausbricht. Zugleich macht sich Debussys Darmerkrankung immer deutlicher bemerkbar. "Ich bin zerstört wie ein kleines Dorf nach dem Besuch der Boches", schreibt er 1915. Die Boches, die Deutschen, rücken vor, schießen die Kathedrale von Reims in Brand, werfen Bomben auf Paris, setzen Giftgas ein – all das erwähnt der Komponist, der als Patriot keineswegs zum musikalischen Nationalisten wird: "Was Wagner anbelangt (...): Er wird den Ruhm behalten, (...) Jahrhunderte von Musik zusammengefasst zu haben. Das ist schon etwas, und nur ein Deutscher konnte dies versuchen. Unser Fehler bestand darin, zu lange zu versuchen, auf seinem Weg weiterzugehen".

Um Geld zu verdienen, revidiert Debussy Bachs Violinsonaten und das ganze Klavierwerk des ähnlich tief verehrten Chopin, was ihn zu Douze Études inspiriert. Dazu entstehen Meisterwerke wie die Sonate für Flöte, Viola und Harfe und die Violinsonate. Er spielt sie selbst am Klavier, im September 1917 in Biarritz bei einem Benefizkonzert für das verwüstete Gebiet an der Somme, wo in einer Schlacht mehr als eine Million Soldaten starben. Emma chauffiert ihren geschwächten Mann im Auto, später erinnert sie sich an ihre Angst bei solchen Auftritten: "Jedesmal schien es mir, als könnte er niemals bis zum Ende kommen!" Dem "Wehwehchen", wie Debussy das Krebsleiden gern nennt, erliegt er am 26. März 1918 in Paris, während Kanonen mit 130 Kilometer Reichweite die Stadt beschießen.

Kein Wunder, dass Jacques Durand, als er 1927 seine Briefauswahl publizierte, neben manchen Passagen auch diejenige strich, in der Debussy die deutsche Version von Pelléas poetischer nennt als Maeterlincks Original. Das passte nicht ins Bild vom Claude de France, der gerade den Deutschen so lange suspekt blieb. Doch auch wo man Debussys Genie erkannte, wurde seine Kunst – unter dem ihm verhassten Etikett "Impressionismus" – lange als Einladung zum Klangbad verstanden und nicht als "Realität", wie der Komponist sie nannte. Der Realität dahinter kommt man mit diesem Buch so nahe wie noch nie. Und die Neugier auf seine Musik steigt im gleichen Maß.

Zum Glück kann sie befriedigt werden. Sogar den Pianisten Debussy als Begleiter der allerersten Pelléas hört man in der Wunderkiste, mit der Warner zum 100. Todestag das Gesamtwerk nebst allen Bearbeitungen in gediegenen Aufnahmen vorlegt, auf 33 CDs. Einschließlich, man glaubt es kaum, jener 24 Takte, mit denen Debussy im Februar 1917 seinen Kohlenhändler entgalt. Infolge des Krieges war in dem harten Winter die Kohle sehr knapp. Monsieur Tronquin schlug seinem so berühmten wie verschuldeten Kunden vor, mit Musik zu bezahlen. Er erhielt das Klavierstück Die von der Glut der Kohle erleuchteten Abende – das letzte Werk. Erst gut 80 Jahre später fand man es im Nachlass des Händlers. Nun spielt es Alain Planès. Traurig, nachdenklich, offen, klar.

Claude Debussy: Briefe an seine Verleger. Übersetzt und herausgegeben von Bernd Goetzke; Georg Olms Verlag, Hildesheim 2018; 476 S., 38,– €

Claude Debussy: Sämtliche Werke. 33 CDs, 180-seitiges Booklet (Warner)