Abends, das Kind liegt mit offenen Augen im Bett, auf der Bettkante krümmt sich der Vater und kämpft gegen die Erschöpfung. Beide, Vater und Kind, fürchten, was kommt: das Kind den Schlaf, der Vater das Wachbleiben. Aber es gibt Rettung: Der Vater wird sich eine Geschichte ausdenken, die so spannend ist, dass er selber wissen will, wie sie weitergeht, und wach bleibt. Das Kind, von den erzählten Geschehnissen so gebannt, wird seinen Vorsatz, nicht müde zu werden, vergessen und schließlich einschlafen.

Nachdenken, sprechen und Zeit gewinnen, darum geht es in einer guten Bettkantengeschichte. Es ist eine leichtfüßige Flucht vor den Verfolgern, also den Zuhörern. Denn der Erzähler ist dem Kind immer nur um ein paar Worte voraus; während er einen Satz spricht, sammelt er im Hinterkopf Naturszenen, überraschende Wendungen, freche Antworten für die nächsten. Der große amerikanische Erzähler Mark Twain hat diesen Vorgang wunderbar beschrieben: "Eine Erzählung soll fließen, wie ein Bach durch Hügel und Wälder fließt, von jedem Felsbrocken abgelenkt, der in seinen Weg ragt, von jeder grasigen Kiesbank verändert; die Oberfläche aufgewühlt, doch in seinem Strömen nicht gestört von den Steinen und Kieseln am Grunde des seichten Wassers; an keiner Stelle fließt der Bach geradeaus, aber er fließt und fließt, fließt rasch dahin, manchmal gegen die Grammatik, und manchmal eine dreiviertelmeilenlange Schleife ziehend, an deren Ende er kaum drei Schritt von der Stelle ist, die er vor einer Stunde passiert hat; doch er fließt, fließt immer weiter, und folgt dabei stets mindestens einem Gesetz, dem er immer treu ist, dem Gesetz des Erzählens, das kein Gesetz hat."

So einen Fluss hat Mark Twain seinen beiden Töchtern, Clara und Susy, geschenkt, als er ihnen im Jahr 1879 die Geschichte eines Jungen namens Johnny erzählte. Viel weiß man nicht von der Geschichte, Twain hat sie in Stichworten auf sechzehn Seiten notiert und unklar enden lassen. Die Blätter liegen heute im Mark Twain Papers Archive der Universität von Berkeley. Erst im Jahr 2011 wurde man auf sie aufmerksam. Ein Kinderbuchautor, der heute noch lebt, Philip Stead, las die Notizen und begann, sie zu einem Buch auszubauen; seine Frau Erin fertigte dazu Illustrationen an.

Der Zauber der Sache liegt darin, dass man sich als Leser fühlt, als stünde man auf einer Brücke, die 139 Jahre überspannt. Denn Stead tut so, als hätte er die Geschichte direkt von Mark Twain erfahren, ja als säße er gemeinsam mit dem unsterblichen Kollegen auf einer Insel im Michigansee und ließe sie sich gerade erzählen. Ab und zu entspinnt sich zwischen dem jungen und dem alten Erzähler über die eigentliche Geschichte hinweg ein kleines Fachgespräch. Der junge widerspricht dem alten, die Tücken und Tricks des Erzählens selbst werden zum Thema der Erzählung. Aber natürlich genießt der Junge die (wenn auch nur vorgestellte) Gesellschaft des verehrten Alten, und immerzu blinzelt er zur Seite, sozusagen zu uns, den Lesern hin: So ganz ernst, will Stead uns sagen, ist das nicht gemeint, was ich hier tue.

Die Erzählung Das Verschwinden des Prinzen Oleomargarine, die auf dem Buchumschlag präsentiert wird als Gemeinschaftswerk von Mark Twain und Philip Stead (wobei TWAIN in viel größeren Buchstaben geschrieben steht als STEAD), ist eher ein Gemeinschaftswerk von Philip und Erin Stead. Der Held der Erzählung ist ein einsamer Junge namens Johnny, der bei seinem grimmigen, immerzu fluchenden Großvater in einem märchenhaften Königreich wohnt und auf Erden nur ein Wesen hat, dem er vertraut: sein Huhn, das, nach einem Lieblingsfluch des Großvaters, Pest und Hungersnot heißt. Das Königreich, in dem Johnny und sein Huhn leben, wird von einem dummen König beherrscht, der per Dekret verbietet, dass seine Untertanen größer sind als er selbst. Wer größer ist, hat nur zwei Möglichkeiten: buckelnd durchs Leben gehen oder aus dem Land fliehen.

Die Ereignisse überschlagen sich, wie es sich für eine gute Bettkantengeschichte gehört: Johnny verliert sein Huhn, freundet sich mit einem Stinktier namens Susy an, erlangt plötzlich die Gabe, die Sprache der Tiere zu verstehen, findet sein Huhn wieder, entdeckt den verschwundenen Prinzen Oleomargarine – und rettet am Ende alle groß gewachsenen Menschen im Reich des kleinen Königs.

Es ist eine postmoderne Einschlaferzählung, die sich über sich selbst lustig macht und doch eine ernste Botschaft hat: Lernt euch kennen, haltet zusammen, und grenzt niemanden aus! Der arme Johnny findet am Ende sein Glück – unter den Tieren und den Menschen. Die entscheidende Szene des Buches lautet: "Johnny holte tief Luft und nahm seinen Mut zusammen. Dann machte er den Mund auf und fand die Worte, die die Menschen vor der ewigen, sinnlosen Gewalt bewahren könnten, wenn die Menschen sie nur ab und zu sagen und meinen würden. Johnny sagte: 'Ich bin froh, dass ich euch kenne!' "

Mark Twain/Philip Stead/Erin Stead (Ill.): "Das Verschwinden des Prinzen Oleomargarine"; Deutsch von Sophie Zeitz; Knesebeck Verlag 2018; 160 S., 25,– €;