Die Deutschen und die Demokratie: nicht so einfach. Die meisten Staaten Europas feiern ihre Revolutionen, ob geglückt oder nicht. Ihre Freiheitshelden, ob erfolgreich oder nicht. Ihre ersten Republiken und Verfassungen, ob beständig oder nicht. Deutschland aber tut sich schwer. Die Geschichte unserer Demokratie? Über die Weimarer Republik hinaus ist das kaum ein Thema. Weder für unsere großen Museen und Universitäten noch für unsere Buchverlage und Medien. Und die Politik kennt sie schon gar nicht. Mainzer Republik? Hambacher Fest? Paulskirche? Keine Ahnung. Georg Forster? Robert Blum? Louise Aston? Nie gehört.

Der Bundespräsident will das ändern. Frank-Walter Steinmeier will Nachhilfe geben. Das hat er versprochen, vor einem Jahr, nach der Vereidigung im Bundestag. Die "Orte der Demokratie" wolle er beehren, die von heute, die von damals. Mit einem Besuch auf Herrenchiemsee in Bayern begann er, wo 1948 die Bundesrepublik erfunden wurde. Und seine kurze Reise auf Deutschlands langem Weg nach Westen endet nun, zum Jahrestag von Steinmeiers Amtsantritt, in Mainz.

Im rheinland-pfälzischen Landtag wird er am Montag eine Rede halten, die schon jetzt historisch ist. Denn erstmals überhaupt würdigt ein deutsches Staatsoberhaupt die Anfänge der deutschen Demokratie: die Mainzer Republik von 1792/93. Es war das kühne Unternehmen von Kaufleuten und Bauern, Handwerkern und Professoren, unter dem Schutz der französischen Revolutionsarmee in der Pfalz die Kernzelle eines demokratischen Deutschland zu gründen.

Immer wieder hat man versucht, diese unerhörte Episode unserer Geschichte vergessen zu machen – und mit ihr all diejenigen, die damals in ganz Deutschland für die neuen Ideen aus Amerika und Frankreich stritten. Den nationalistischen Hasspredigern des 19. und 20. Jahrhunderts war Demokratie ohnehin nur "welscher Tand", die "Erbfeindschaft" mit Frankreich hieß Demokratiefeindschaft. Noch heute existiert in Mainz kein Lernort, keine Dokumentationsstätte zu jenen Tagen, da erstmals auf deutschem Boden die Menschen- und Bürgerrechte verkündet wurden.

Vielleicht gibt Frank-Walter Steinmeier hier den überfälligen Anstoß. Und Deutschlands Demokratie findet in Mainz endlich, nach langer Amnesie, zur Erinnerung an ihre Anfänge.