Nach einem schweren Herzinfarkt schrieb der amerikanische Präsident Eisenhower 1955 einem Freund: "Ich soll alle Situationen vermeiden, die Reaktionen wie Irritation, Frustration, Beklemmung, Furcht und vor allem Wut heraufbeschwören. Wenn mir die Arzte solche Anweisungen geben, antworte ich ihnen: 'Was denken Sie, was die Präsidentschaft ausmacht?'" Offenbar nicht eine Kette von Triumphen der geborenen Führerpersönlichkeit. Eisenhower war General gewesen, 36 Jahre hatte er in der Army gedient; gegen klare Hierarchien, rasche Entscheidungen, überhaupt gegen Stärke hatte er gewiss nichts einzuwenden. Aber er wusste, dass es so etwas in der Politik nicht gibt oder nur um den Preis schrecklicher Vereinfachungen.

Und doch lebt der Wunsch nach Stärke. Archie Brown, britischer Historiker und Politologe, der lange in Oxford lehrte, hat dem Phänomen ein besorgtes Buch gewidmet: Der Mythos vom starken Führer. Selbst in Deutschland, das nach 1945 eine sehr respektable politische Kultur entwickelt habe, wie er findet, glauben 20 Prozent, das Land brauche "eine einzige starke Persönlichkeit, die das Volk vertritt". Für Donald Trumps Wahlerfolg spielte eine große Rolle, dass er als "starker" Führer wahrgenommen wurde. Und selbst in Großbritannien steht "Stärke", verstanden weniger als Kompetenz oder Geschick, sondern als Durchsetzungskraft, in hohem Ansehen.

Wie kommt es dazu? Hat dieses Faible in den letzten Jahren zugenommen? Liegt es daran, dass die Bevölkerung die politische Sphäre als schwach empfindet gegenüber der der Wirtschaft? Dazu sagt Brown leider nichts, vermutlich denkt er anthropologisch. Er weist darauf hin, dass groß gewachsene Politiker bei ihren Wählern im Vorteil sind. Und er zitiert Adam Smith, den Moralphilosophen und Theoretiker der Marktwirtschaft, der "eine Neigung der Menschen, für alle Affekte der Reichen und Mächtigen Teilnahme zu hegen", notiert.

Brown jedenfalls hat nicht die jüngsten Gestalten des Autoritarismus im Blick. Was sich in China und Russland, in Ostmitteleuropa, der Türkei oder in den USA zeigt, spielt er nur in der Einleitung kurz an. Stattdessen spricht er über die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts bis hin zu Tony Blair. Sein Buch erschien 2014 im Original, für die deutsche Ausgabe wurde es gekürzt, und dabei hätte man durchaus beherzter vorgehen können. Was der Autor über die sozialistische Staatenwelt zu sagen hat, geht über Handbuchwissen nicht hinaus. Die Bundesrepublik, insbesondere Adenauer, Brandt, Kohl und Merkel haben seine Bewunderung, aber dass er hier tief blickte, kann man kaum sagen. Doch wo er über die USA und Großbritannien spricht, wird es interessant. Der Mythos vom starken Führer gehört zu den Büchern, die bei erheblichen Schwächen doch eine stellenweise höchst anregende Lektüre sind.

Browns Grundgedanke: Was viele Menschen für starke Führung halten, ausgeprägte persönliche Dominanz, ist in der Politik ein Fehler. Der "starke Führer" wird zu einer Gestalt, deren Berater und Einflüsterer, allesamt nicht gewählt, zu übergroßem Einfluss kommen. Nicht weniger übel: Die Dominanz des einen schiebt andere Politiker und ihre Überlegungen zur Seite, verhindert es, die Welt in ihrer Komplexität wahrzunehmen, und führt zu simplen, also falschen Entscheidungen.

Ich führe meine Partei. Er folgt seiner
Tony Blair 1995 über seinen politischen Gegner John Major

Das Argument klingt theoretisch wenig aufwendig, bemerkenswert sind die historischen Beispiele. Lyndon B. Johnson, J. F. Kennedys Nachfolger, hat für seine Innenpolitik Browns ganze Bewunderung. Für die Bürgerrechte, die Schwarzen und Armen ("Great Society") hat kein US-Präsident mehr getan. Dass ihm dies gelang, verdankte er nicht einer Haltung der Stärke, sondern der Geschmeidigkeit. Er kannte die beiden Häuser des Kongresses und ihre Angehörigen wie niemand sonst und verwendete viel Zeit darauf, mit ihnen zu reden. Churchill, den wir als Bulldogge wahrnehmen, ließ den Ministern seines Kriegskabinetts viel Freiheit und hörte sich auch Kritik an, ähnlich Clement Attlee, dessen Regierung den britischen Wohlfahrtsstaat aufbaute.

Das interessanteste Kapitel Browns aber ist das über Tony Blair, der sein Land in den Irak-Krieg steuerte. In Großbritannien gab es schon 2003 Fachleute aus Diplomatie, Geheimdiensten und Militär, die das Unglück kommen sahen. Doch Blair wollte sie nicht hören. Sein Vorgänger Wilson hatte in den 1960er Jahren, als es um Vietnam ging, die Warnung des Verteidigungsministers respektiert. Davon war Blair weit entfernt. Das Kabinett wurde mit der Frage von Krieg und Frieden erst befasst, als das Land schon in der Falle steckte. Einem Beamten, der zur Vorsicht riet, hielt er entgegen: "Sie sind Neville Chamberlain, ich bin Winston Churchill, und Saddam ist Hitler." Auf keinen Fall wollte er den Fehler Chamberlains in der Appeasement-Politik wiederholen, doch auf andere Weise tat er genau das. Wie Chamberlain sperrte er sich gegen alle Beratung mit Leuten, die eine andere Meinung vertraten, und wenn dieser das Münchner Abkommen "wie seine Privatsache" behandelt hatte, so Blair den Eintritt in den Irak-Krieg. Die Psychologen sprechen von kognitiver Geschlossenheit. Was gegen den einmal gefassten Gedanken spricht, wird ausgeblendet.

Archie Brown ist überzeugt, dass das, was respektvoll und demokratisch ist, zuletzt auch die besten Ergebnisse hervorbringt. Für die Zwischenzeit allerdings liegt in der Weigerung, nach links und nach rechts zu sehen, eine enorme Kraft. Ein Beispiel dafür ist Margaret Thatcher, die Brown wohl unterschätzt. Zuletzt scheiterte sie an ihrem persönlichen Leninismus, dem unerschütterlichen Avantgardegefühl. Aber sie hat doch vieles verändert, ob es einem gefällt oder nicht.

Archie Brown: Der Mythos vom starken Führer. Politische Führung im 20. und 21. Jahrhundert; Propyläen Verlag, Berlin 2018; 480 S., 25,– €, als E-Book 22,99 €