Was haben ein Le-Corbusier-Stuhl, die Schriftart Univers von Adrian Frutiger und das SNCF-Jingle der französischen Bahn gemeinsam? So wenig, finden selbst Designtheoretiker, dass man keine systematische Theorie des Designs aufstellen könne. Daniel Martin Feige, Professor für Philosophie und Ästhetik in Stuttgart, sieht das anders und wagt einen Versuch.

Oft will man ja Design mit jenen Kategorien begreifen, die man in der ästhetischen Philosophie schon hat, die aber für die Kunst entwickelt wurden. Feige hingegen meint, man müsse beides trennen: Design ist nicht Kunst. Während Kunst frei von praktischen Zwecken ist, dienen Designgegenstände immer einem Zweck. Und während wir uns in der Kunst selbst begegnen, so Feige, begegnen wir im Design der Welt. Was wiederum heißt, wir gestalten sie durch Design und begreifen sie, wenn die Objekte auf uns zurückwirken. Design wird daher, so der programmatische Gedanke, zu einer "ästhetischen Form der praktischen Welterschließung".

Eine Ästhetik des Designs kann deshalb laut Feige nie nur eine Ästhetik der Form sein und die Funktion nicht deren praktisches Gegenstück; Ersteres kann auch nicht dem anderen nachgeordnet sein wie in Louis Sullivans berühmtem Credo "form follows function". Vielmehr müsse die Funktion selbst erstmals in eine Ästhetik mit einbezogen werden, weil Form und Funktion untrennbare Seiten derselben Sache seien. Wer einen Stuhl anschaue und so zu begreifen versuche, wie man eine Skulptur begreift, der verpasse, worum es geht. "Design ist ästhetisch darin, dass es immer wesentlich geformte Funktion ist und eine Funktion ihren Sinn damit erst durch die Form, die ihr gegeben wird, erhält", meint Feige und plädiert für einen "ästhetischen Funktionalismus".

Im Gegensatz zur Kunst kann man daher Design auch ethisch bewerten. Überhaupt sind Designgegenstände nie für sich allein zu betrachten, sondern stets im Zusammenspiel mit einem System, weil ihre Funktion immer auf etwas anderes ausgerichtet ist – wie etwa ein Plakat auf den Ort, an dem es aushängen soll.

Gutes Design ermöglicht gutes Leben, befindet Feige. Die Fülle seiner neuen Ideen und mutigen theoretischen Wendungen passt zu unserer Zeit, die zunehmend von bewussten Designentscheidungen entworfen wird.

Daniel Martin Feige: Design. Eine philosophische Analyse; Suhrkamp Verlag, Berlin 2018; 239 S., 18,– €, als E-Book 17,99 €