Die deutschsprachige Philosophie sei in einem desolaten Zustand, kritisierte der Autor Wolfram Eilenberger in der ZEIT. Hat er recht?

Eine wütende Bestandsaufnahme der deutschsprachigen Philosophie hat Wolfram Eilenberger an dieser Stelle vor zwei Wochen formuliert ("Wattiertes Denken", ZEIT Nr. 10/18). Es fehle an "Status, Denkkraft und globaler Präsenz"; die Zunft verfolge "hoffnungslos ausgelaugte Forschungsprogramme" und sei "von allem entfremdet, was lebendiges realitätsgesättigtes Denken ausmachen sollte". Eilenberger, ehemaliger Chefredakteur des populären Philosophie Magazins, leidet sichtlich am Zustand der Philosophie.

Es ginge ihm nicht um "eine neoromantische Sehnsucht nach neuen Überdenker(inne)n". Doch steht genau diese ziemlich deutsche Sehnsucht hinter seinem Artikel. Darin liegt ein arges Missverständnis der akademischen Philosophie, welches zurechtgerückt gehört.

In einigem hat er recht:

Ja, Qualifizierungsdruck und Konformismus an den Universitäten sind enorm ausgeprägt. Und die philosophischen Schriften, von denen es mehr gibt denn je, verlieren sich sehr oft im Klein-Klein. Doch ist die Spezialisierung in der Philosophie immer noch viel weniger schlimm als in anderen Fächern.

Ja, die Zitationszahlen der Philosophen sind in der Regel kläglich. In erster Linie liegt das daran, dass der philosophische Wissenschaftsmarkt so viel kleiner ist als der anderer Disziplinen, und in zweiter Linie daran, dass der deutschsprachige Markt so viel kleiner ist als der englischsprachige. Der Impaktfaktor vieler international sehr angesehener philosophischer Fachzeitschriften dümpelt um "1" herum. Das heißt, dass ein Artikel einer solchen Zeitschrift in den ersten zwei Jahren nach seiner Veröffentlichung im Schnitt einmal zitiert wird. Deprimierend!

Freilich, die Philosophie ist im Vergleich zu anderen Wissenschaften sehr langsam in ihrer Rezeption und im Fortschritt ihrer Themen. An den Universitäten wissen wir das. Deswegen ist der hanebüchene Druck durch starre Rankings in den philosophischen Berufungskommissionen nach wie vor viel geringer als in anderen Fächern. Dafür sollte Eilenberger die akademischen Philosophen eigentlich loben.

Schließlich: Ja, man kann sagen, dass die entscheidenden philosophischen "Taufimpulse" hundert Jahre zurückliegen. Das ist etwa so fair und falsch, wie zu sagen, in der Physik sei seit Einstein, Bohr und Heisenberg auch nicht mehr viel hinzugekommen. Man kann aber die Philosophiegeschichte auch anders schreiben.

Vor allem vermisst Eilenberger den Zauber, das Charisma. Die analytische Philosophie sei "in sich eingesponnen". Man stünde "in marginalem Dialogkontakt zu anderen Fächern", es herrsche "Denkbeamtentum" und "lustlose Totalstagnation". Eilenberger räumt ein, dass sein "Frontalangriff" "ungerecht" und "undifferenziert" sei; er will die Zunft aufrütteln.

Darin liegen drei Missverständnisse über die akademische Philosophie und ein Missverständnis über ihr Verhältnis zum Journalismus:

Erstens: Man kann trefflich darüber streiten, ob Philosophie eine Wissenschaft ist oder nicht. De facto ist sie den anderen Wissenschaften sehr ähnlich geworden, mit kleinteiligen Forschungsprogrammen innerhalb ziemlich festgefügter Paradigmen, mit enormen Differenzierungen, mit in sich verstrickten Fachdiskussionen. Das erklärt sehr viel der von Eilenberger beklagten Zustände.

Aber sie sind anderswo keinen Deut besser: Wie viele psychologische Fachaufsätze produzieren mit strengstem methodischem Aufwand total unüberraschende Ergebnisse? Jeder Landkreis hat die deutsche Revolution von 1848 anders erlebt und ist so Gegenstand einer eigenen geschichtswissenschaftlichen Dissertation. Mit teuren Geräten und langwieriger Detailarbeit wird im Wirrwarr der Proteine ein Knoten gelöst und ein unmessbar kleiner Fortschritt erzielt. Und so weiter. Warum muss man der Philosophie solche Zustände vorwerfen?