Wenn ich an deutsche Produkte denke – gute deutsche Produkte –, dann denke ich meistens an Gewürzgurken von Hengstenberg, es gibt sie in den Ausführungen Sticksi ("süß-würzig") und Knax ("knackig-würzig"), und auf dem Etikett verspricht der Hersteller, von einer schwarz-rot-goldenen Fahne unterlegt: 100 Prozent Genuss. Sticksi und Knax, die warzigen Außenseiter, symbolisieren für mich das nette, das harmlose, das leicht ungelenke Deutschland.

Als mich der Kollege aus dem Wirtschaftsressort fragt, ob ich mal einen Tag nur deutsche Produkte konsumieren will, kleiner Testlauf in Zeiten von drohendem Protektionismus, "buy German" als Antwort auf "buy American", denke ich: Klar, warum nicht! Dann verbringe ich eben ein paar schöne Stunden mit Sticksi und Knax. Eine Gewürzgurke ist etwas Feines, und die Vielfalt ist da inzwischen größer, als man denkt.

Ich wache am Tag des Experiments auf, nehme einen Schluck Gerolsteiner Mineralwasser, das "aus den Tiefen der Vulkaneifel" kommt, und verstehe jetzt erst: Ich hätte es wissen können, dass ich keinen Kaffee trinken darf, denn Kaffeebohnen sind niemals deutsch, da sie tropisches Klima brauchen, meine Laune sinkt rapide. Missmutig breche ich auf, um ein Frühstück zu kaufen, ein deutsches Frühstück. Ich habe jetzt die richtige aggressive Pensionärsmimik, um in einem Supermarkt nach deutschen Produkten zu fragen.

Die Laune wird noch schlechter, weil ich erkältet bin und die schnelle Lösung meines Problems in meiner Jackentasche wäre, aber verboten ist: ein Ricola-Kräuterbonbon mit Zitronenmelisse. Hilft in Sekunden. Ist aber nicht deutsch. Ich drehe es in meiner Hand und sehe diesen triumphierenden Schweizer aus der Werbung vor mir: "Werr hat’s erfunden?" Als würde er vor mir auf und ab hüpfen. Werr hat’s erfunden? Jaja. Die Schweizer. Ich lass das Bonbon in der Tasche.

In einem Biosupermarkt frage ich, ob der Allgäuer Bergkäse deutsch ist. Und die Angestellte antwortet: "Der ist aus dem Allgäu." Ich frage weiter: "Also ist er vollkommen deutsch?" Sie guckt mich ein bisschen ängstlich an, sie hält mich möglicherweise für irre oder dumm oder beides und sagt: "Eben aus dem Allgäu." – "Also ist die Milch von deutschen Kühen?" – "Davon gehe ich aus." Sie nickt und geht schnell weg.

Ich ziehe mein Handy raus und google "Deutsche Produkte", kleine Inspiration, was gibt es denn da? Die Produktwelt entfaltet sich von Fertig-Currywurst über Leibniz-Butterkekse bis zu Nivea. Ich klicke mich durch eine Fotostrecke: "Diese deutschen Produkte gibt es in amerikanischen Supermärkten." Kekse, Zwieback. Dosenfisch! Es ist schon trostlos: Man kennt Deutschland für High-End-Ingenieurskunst, für die funkelndsten Daimler, technologisch Weltklasse. Aber kulinarisch gehen wir mit einem Sortiment in die Welt, das eher an die Notration auf der Bounty erinnert. Praktisch, trocken, lange haltbar.

Ich studiere ein paar Etiketten: Getrockneter Salbei aus Österreich, geht nicht. Minze aus Lettland, nichts für mich. Erbsen aus Italien, grr, nein, danke. Orangen aus Spanien, unter keinen Umständen. Zartbitter-Schokolade, zwar fair gehandelt, aber eben nicht aus deutschen Zutaten. Ich prüfe Etiketten, werde sofort misstrauisch, wenn da irgendwas von EU steht. Es ist trostlos. Ich bin beschränkter als ein Veganer, ach was: als ein Frutarier. Oh: Ein Riesling, das würde natürlich gehen.

An der Fleischtheke bestelle ich zweihundert Gramm Schwarzwälder Schinken. Hier wieder meine unangenehme Nationalpedanterie, kleine Nachfrage: "Ist der Schinken aus Deutschland?" Und die etwas genervte Versicherung der Wurstfachangestellten: "Schwarzwälder Schinken kommt immer aus dem Schwarzwald." Ich kaufe noch einen Rapshonig aus Mecklenburg. Der wird doch von deutschen Bienen kommen, trotz der Nähe zu Polen? Da werden doch keine anderen Bienen ...? Soll ich nachfragen? Besser nicht. Auch im Korb landet: eine Rahmbutter aus Schleswig-Holstein. In einer Biobäckerei kaufe ich ein "Hamburger Kräftiges", ein Sauerteigbrot für knapp fünf Euro. "Ist das deutsch?" Antwort der Bäckerin: "Das ist aus der Region." Klar, aus der Region, das klingt freundlicher.

Ich frühstücke gut. Der Schwarzwälder Schinken erinnert mich an tropfende Tannen und klare, funkelnde Bäche: Vor Jahren besichtigte ich die Rothaus-Brauerei im Hochschwarzwald, man saß in einem holzvertäfelten Raum, aß und trank und schaute in den Wald und auf Kühe. Deutsches Bier und deutsche Gewürzgurken, das ist unser Savoir-vivre. Was wohl die Kanzlerin präsentieren würde, käme sie nach Vorbild von Donald Trump auf die Idee, im Kanzleramt echte deutsche Produkte auszustellen? Vielleicht würde sie publikumswirksam in Sticksi oder Knax beißen, ein Märkisches Landbrot anschneiden, einen Metabo-Schwingschleifer aufheulen lassen oder einmal genüsslich in einen Teller Sauerkraut gabeln.