Es gibt schlichte Geschichten, und es gibt verwickelte Geschichten. Aber es muss schon ein alter Meister wie der Literaturnobelpreisträger J. M. Coetzee kommen, um eine schlichte, kinderleicht zu lesende Geschichte zu schreiben, die zugleich so verwickelt ist, dass sie mindestens einen dreifachen Boden hat. Eine glasklare Geschichte, in der zugleich alles restlos undurchsichtig ist. "Ein Rätsel und doch kein Rätsel", wie es gegen Ende des Romans heißt.

Die Schulzeit Jesu schließt bruchlos an Die Kindheit Jesu (2013) an, den ersten Teil von Coetzees Jesus-Zyklus. Und beide Bände beginnen fast wie ein Migrantenroman. Simón und sein Pflegekind David sind auf dem Schiff nach Novilla gelangt, einer Hafenstadt in einem namenlosen Land spanischer Sprache, und beginnen dort ein neues Leben. Ein ziemlich spartanischer Sozialstaat weist ihnen eine bescheidene Bleibe zu. Simón wird Hafenarbeiter und findet Inés, die David wie eine Mutter annimmt. Als die Behörden den wunderkindhaft eigensinnigen David in ein Erziehungsheim einweisen wollen, flieht die Familie am Ende des ersten Bandes mit einem geliehenen Auto zwei Tagesreisen weit und gelangt – am Anfang des zweiten Bandes – in die Kleinstadt Estrella.

Auch den zweiten Band könnte man als Migrantengeschichte lesen – Arbeitssuche, Wohnungssuche, Schulsuche –, wenn man nicht wie schon im ersten Teil bald bemerken würde, dass in dem von Coetzee erfundenen neuen Land grundlegend andere ontologische Regeln gelten als in unserer Welt. Diese Migranten sind nicht von einem Land in ein anderes geflohen, sie sind in eine Art Jenseits geraten. "Wenn man mit einem Schiff übers Meer fährt", erklärt der Vater dem Sohn, "werden alle Erinnerungen weggewaschen, und man fängt ein völlig neues Leben an. So ist das. Es gibt kein Vorher. Es gibt keine Geschichte." Offensichtlich ist die mit tausend realistischen Details ausgestattete Migrationswelt dieser beiden Romane zugleich etwas ganz anderes. Das neue Land ist eine Allegorie, zu deren besonderem, lang anhaltendem Reiz es freilich gehört, dass man, anders als bei den handelsüblichen Allegorien, nicht klar sagen kann, wofür sie steht.

Meint das neue Land das Jenseits des Todes? War das Meer, über das sie gekommen sind, der Totenfluss Styx? Manchmal scheint es so. "Wir müssen uns keine Sorgen über den Tod machen", erklärt der Vater dem Sohn, "nach dem Tod gibt es immer ein anderes Leben. Das hast du erlebt." Allerdings gibt es in diesem Jenseits kein einfaches ewiges Leben. Man kann in ihm auch ermordet werden und gerät dann in ein Jenseits des Jenseits.

Plausibler ist die Annahme, das neue Land sei ein fiktives philosophisches Experimentalgelände, in dem Coetzee im Medium eines sehr merkwürdigen philosophischen Romans die Frage nach dem richtigen Leben und der wahren Bestimmung der Seele erörtert. Wobei es zu den Merkwürdigkeiten gehört, dass die meisten der Migranten für diese Fragen gar nicht empfänglich sind. Obwohl alle Ankömmlinge im neuen Land von Amts wegen gezwungen werden, unter einem Namen zu leben, der nicht der ihre ist, gewöhnen sie sich bald an diesen Zustand, den Coetzee mit auffälliger Betonung des Erfundenen, Fiktiven "dieses neue, erfundene Leben" nennt, "this new, invented life". Sie haben "dieses endlose Unbefriedigtsein, dieses Sehnen nach dem Etwas-mehr" hinter sich gelassen und sich mit einem Zustand abgefunden, in dem "nichts fehlt".

Von diesem Zustand des Halbtoten ist das Kind David, das im ersten Band seinen sechsten und im zweiten Band seinen siebten Geburtstag feiert, "eine Ausnahme". Davids Tanz- und Musiklehrer Juan Sebastián Arroyo (was einfach Johann Sebastian Bach auf Spanisch ist, auch Bachs zweite Frau Anna/Ana Magdalena tritt auf, möglicherweise nicht Coetzees feinsinnigster Einfall) – sein Tanzlehrer jedenfalls erklärt dem Vater: "Ihr Sohn empfindet mit ungewöhnlicher Intensität die Falschheit seines neuen Lebens. Er hat dem Druck zu vergessen nicht nachgegeben. Woran er sich erinnert, weiß ich nicht, aber dazu gehört, was er für seinen wahren Namen hält. Wie lautet dieser Name? Auch das weiß ich nicht. (...) Vielleicht ist es insgesamt das Beste, dass sein Geheimnis geheim bleibt. Wie Sie gestern sagten, welchen Unterschied macht es schon, ob er uns als David oder Tomás bekannt ist (...)."

Das darf man nun als penetrantes Gedankenschach bezeichnen. Denn natürlich lautet der Name, den der Erzählgott Coetzee seinem David im Diesseits des Jenseits, also auf dem Titelblatt seiner Romane gegeben hat: Jesus. Und natürlich stammen die Jesus-Worte, die er dem widerborstigen Kinderpropheten David im ersten Band in den Mund gelegt hat, oft fast wörtlich aus dem apokryphen Evangelium von Thomas (Tomás) dem Israeliten.

Im neuen Band geht es in ähnlich gedankenschachiger Weise weiter. Diesmal stammen die Worte, mit denen David die Suche seiner Seele nach ihrer wahren Bestimmung beschreibt, zur Hauptsache aus Platons Zahlen- und Musikphilosophie, gemischt mit etwas Bachscher Zahlenmystik. Die "Schatten von Erinnerungen", die David und zuletzt auch sein Pflegevater Simón in Arroyos und Ana Magdalenas Tanzschule aus den Sternen herabtanzen wollen, erinnern stark an Platons Ideenlehre und sein Konzept der Anamnesis. Damit es aber nicht zu einfach werde, hat Coetzee seinem David auch eine Liebe zu Dostojewski mit auf den Weg gegeben. David liebt nicht nur die Sterne, er liebt auch den Museumswächter Dmitri, einen Wiedergänger von Dostojewskis Dmitrij Karamasow, aber mehr noch von dessen Raskolnikow. Wie der eine Wucherin ermordete, so ermordet Coetzees Dmitri in einer Art Liebeswahn Davids Tanzlehrerin Ana Magdalena. So entspinnt sich zwischen Ana Magdalenas Sternentanz und Dmitris Liebesleidenschaft Davids Suche nach der Seele.

Die philosophischen Betriebsgeheimnisse eines Romans derart ungefiltert auszuplaudern mag etwas grausam wirken. Wenn man sich indes unbefangen in den Roman einliest, hat er über weite Strecken einen beträchtlichen Reiz. Coetzees abgemagerte, kantige Prosa ist das richtige Medium für die "wichtigen Dinge", denen sich Coetzee im Alter ganz unabgelenkt zuwenden wollte. Man folgt dieser glasklaren Prosa in die Abgründe von Dmitris Seele und die Höhen von Ana Magdalenas Aufschwüngen und fragt sich verwundert, warum es uns eigentlich nicht gegeben ist, mit coetzeescher Reinheit über die letzten Fragen unseres Lebens nachzudenken. Nur eines sollte man nicht tun: solange man noch in die Lektüre des Romans vertieft ist, in den Quellen all dieser intertextuellen Spiele, also in Dostojewski und Platon zu lesen beginnen. Es könnte einem der Unterschied zwischen echten Perlen und Glasperlen das Vergnügen verderben.

J. M. Coetzee: Die Schulzeit Jesu. Roman. Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2018. 317 S., 22,– €, als E-Book 18,99 €.