Den ersten Scherz erlaubt sich der Roman schon auf dem Titelblatt, wo, wie üblich, Buchtitel, Gattung, Übersetzer und Verlag vermerkt sind. Hier steht, dass es sich um ein "Poem" namens Dunkle Zahlen handelt, erschienen bei Matthes & Seitz und übersetzt von Matthias Senkel. Ein Debüt? Vom Verfasser, dessen Name als "GLM-3" angegeben wird, hat jedenfalls kein Leser je gehört. Später erfährt man, dass die Abkürzung für "Golemartige Literaturmaschine" steht und dass das ein archaischer Lochkartencomputer ist, der von sowjetischen Kybernetikern als "Allzweckrechenautomat" programmiert wurde und das Romaneschreiben also wohl bloß nebenbei im Repertoire hat.

Ein Scherz, wie gesagt. Dass sich der 1977 geborene Schriftsteller Matthias Senkel als bloßer Übersetzer eines angeblich maschinell generierten Erzähltextes ausgibt, mag als Kommentar zum viel debattierten Tod des Autors in der Literatur verstanden werden, und vielleicht führt eine untergründige Verbindung auch zu anderen Autorschaftsexperimenten mit künstlicher Schreibintelligenz (brandaktuell: Bot von Clemens Setz); das Vexierspiel stellt den Roman aber von vornherein auch unter erheblichen Genialitätsverdacht.

So weit, so gut: Matthias Senkel ist ein sprachgewaltiger, historisch informierter und mit allen möglichen literarischen Genreklischees souverän jonglierender Erzähler. Sein Roman führt tief hinab in den Maschinenraum der künstlichen Intelligenz, die uns Smartphonemenschen ja längst umschließt wie eine zweite Haut. Die Firma Apple kommt auf 500 Seiten aber nur einmal zur Sprache. Senkel blickt nämlich auf die östliche Seite des Eisernen Vorhangs, wo das EDV-Wettrüsten verloren ging. Und nach Jahrzehnten eine schwermütige Bilanz gezogen wird: Was hatte man nicht alles unternommen, um "thermonukleare Prozesse, orbitale Kupplungsmanöver und orthotropes Werkstoffverhalten zu berechnen, Geheimcodes zu entschlüsseln, Sternenspektren und staatsfeindliche Witze zu analysieren, das materielle und kulturelle Lebensniveau der Sowjetbevölkerung sowie das daraus resultierende Plansoll für Gummilitzen und Hegel-Handbücher zu bestimmen".

Moskau, 1985: Die (fiktive) "Spartakiade der jungen Programmierer" ist der historische Angelpunkt des Romans. Hier treten die von kybernetischem Sportsgeist beseelten Nachwuchstalente aller sozialistischen Bruderländer gegeneinander an und merken gar nicht, dass ihre elegantesten Rechenleistungen doch nur dem KGB zugutekommen, der damit amerikanische Geheimcodes knacken oder Raketenabfangmanöver optimieren will. Eine Vermisstenmeldung bringt die Handlung in Schwung: Die kubanische Mannschaft ist seit ihrer Landung in Moskau wie vom Erdboden verschluckt, es heißt, man habe die eigentlich putzmunteren Jugendlichen aufgrund einer angeblichen Tropenkrankheit unter Quarantäne gestellt. Steckt mehr dahinter? Mireya Fuentes, die Übersetzerin der kubanischen Delegation, kämpft sich auf eigene Faust durch die Stadt, um ihre Mannschaft oder doch wenigstens die Datenkassetten aufzutreiben, auf denen die Rechenoperationen der Kubaner gespeichert sind. Als Spezialistin für computergesteuerte Sprachanalyse von Literatur traut sich Mireya außerdem zu, den Ulysses von James Joyce im Computer so zu zerlegen, dass man Dublin, sollte es dereinst in der Irischen See versinken, detailgetreu wieder aufbauen könnte.

In russischer Erzähltradition verfügt der Roman über ein so weitverzweigtes Personal, dass Matthias Senkel ihm ein Namensregister beigegeben hat. Er verfolgt die sprunghaften Lebenswege von Computerpionieren, Abhörspezialisten, Stadtplanungsvisionären und Spartakiadefunktionären und springt dabei zwischen den vierziger Jahren und der nahen Zukunft der frühen 2020er. Ein sprechender Fisch tritt auf. Und ein französischer Industriespion, der seine Datenbeute in der Software eines Computerspiels versteckt aus der Sowjetunion schmuggeln soll, dabei groteske Verfolgungsjagden überlebt und dann doch einen slapstickhaften Tod stirbt. Es wird fast so viel gesungen, gereimt und gevögelt wie in einem Roman von Thomas Pynchon, allerdings erinnern Senkels pikareske Helden auch an die Figuren von Roberto Bolaño (der in Gestalt eines Namensvetters einen Cameo-Auftritt hat). Und ja, natürlich: Die russischen Klassiker Puschkin, Lermontow, Tolstoi, Gogol, sie alle finden in diesem Roman irgendwo ein ihnen gebührendes Plätzchen.

Dunkle Zahlen wurde für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, jene Goldmedaille in einer literarischen Spartakiade, bei der sich ein durch die eigene Begabung befeuerter Autor offenbar selbst zu überbieten geschworen hat. Originell, aber dann doch leider ermüdend: Matthias Senkel zaubert Idee um Idee aus dem Hut wie eine Horde kurioser Kaninchen, die dann sich selbst überlassen bleibt. Wer tapfer bis zum Schluss liest, darf bitte mit aufs Treppchen.

Matthias Senkel: Dunkle Zahlen
Roman; Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2018; 488 S., 24,– €, als E-Book 19,99 €