DIE ZEIT: Die öffentliche Diskussion zwischen Uwe Tellkamp und Ihnen in Dresden hat einen Skandal ausgelöst. Hat Tellkamp tatsächlich etwas Skandalöses gesagt?

Durs Grünbein: Als er sagte, dass "über 95 Prozent" der Flüchtlinge nur gekommen seien, um in die Sozialsysteme einzuwandern, war ich für einen Moment sprachlos. Das ist eine glatte Unterstellung, keine Meinung. Er hantierte an diesem Abend überhaupt immer mit allerlei Zahlen, mit denen die Flüchtlingspolitik diskreditiert werden sollte. Das Thema des Abends – die Meinungsfreiheit – rückte bald in den Hintergrund.

ZEIT: Richtig zum Skandal wurde der Abend aber doch erst, als der Suhrkamp Verlag sich mit einem Tweet von Tellkamp distanzierte.

Grünbein: Ein absolut falsches Signal! Tellkamps Position war ja: Ich darf mich in der Öffentlichkeit zu bestimmten Themen nicht äußern, ohne sofort sanktioniert zu werden. Er behauptete, es gebe in diesem Land eine Gesinnungszensur. Das halte ich für Blödsinn. Der Suhrkamp Verlag – unser beider Verlag übrigens – hat ihn aber mit seiner Reaktion im Nachhinein nur bestätigt. Damit wurden alle meine Argumente zunichte gemacht. Nun steht der Verlag wie eine Gouvernante da, ein linksliberaler Spießerverein. Wir sehen: Ein einziger Tweet kann eine ganze Debatte zerstören, es bleibt nur noch die Schlagzeile. Es ist – siehe Trump – die Nachrichtenform für Provokateure und Demagogen.

ZEIT: Tellkamp hat an dem Abend allerdings auch gesagt, dass wir natürlich eine moralische Verpflichtung hätten, Menschen in Not zu helfen.

Grünbein: Nun ja, dazu musste ich ihn ziemlich treiben. Ansonsten neigte er eher zum Monolog. Da ging der Epiker in ihm durch. Es ist traurig, wie wenige Menschen imstande sind, dialektisch zu denken. Nehmen Sie nur die sogenannte Flüchtlingskrise: Am Anfang stand der moralische Druck in einer Notlage, einer humanitären Katastrophe. Die Tausenden Toten im Mittelmeer, die Bilder von Transportern auf der Autobahn, in denen Menschen erstickt waren, hatten eine Stimmungslage erzeugt, in der die Politik handeln musste. Dieser Zusammenhang aber wird heute von vielen ausgeblendet. Die Flüchtlingskrise begann für sie erst, als sie zwischen Elbe und Erzgebirge spürbar wurde. Die wenigsten sehen die Chronik der Ereignisse, Ursache und Wirkung, auch nicht die Wandlung im eigenen Handeln und Meinen. Geschichte ist eine Fortsetzungsserie. Die meisten aber steigen bei irgendeiner Folge ein und kapieren nichts.

ZEIT: Nach der Frankfurter Buchmesse hat Uwe Tellkamp die Charta 2017 unterschrieben, einen Aufruf der Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen. Unter dem "Begriff der Toleranz", heißt es darin, werde heute "Intoleranz gelebt". Meinungsfreiheit werde ausgehöhlt und ein "Gesinnungskorridor" errichtet.

Grünbein: Gemeint ist, dass es so etwas gebe wie eine linksliberale Meinungsdiktatur. Was soll man davon halten? Zunächst einmal gibt es in jeder Gesellschaft einen gewissen moralischen Cordon sanitaire. Eine Schutzzone also, jenseits derer die Seuchen beginnen, die Propaganda von Hass und Gewalt. Dieser humanistische Raum ist eine stille Vereinbarung. Der darf unmöglich verlassen werden, sonst steuern wir wieder auf Krieg und Völkermord zu. Wir wissen, das hat noch immer mit einer bestimmten Rhetorik begonnen. Meinungsfreiheit bedeutet aber nur, dass jede Meinung immer mit Widerspruch rechnen muss. Ich verstehe das Wort "Gesinnungskorridor" nicht. Ist das eine Metapher? Wofür? Für die Suhrkamp-Kultur? Die Frankfurter Schule? Unsere Aufklärungstradition? Die französische Philosophie? Kant? Wird das jetzt alles in einen Müllbeutel gestopft und entsorgt?

ZEIT: Nun empfinden ja viele, gerade im Osten, dass der von Ihnen beschriebene Cordon sanitaire sehr klein ist. Woher rührt das?

Grünbein: Ich habe gerade einen Leserkommentar zu einem der Artikel über den Dresdner Abend gelesen: "Ich weiß nicht, was Tellkamp gesagt hat, aber als guter Untertan distanziere ich mich davon." Sie sehen, zumindest gibt es stellenweise noch Humor. Aber man kann das auch ernst nehmen. Offenbar haben viele derzeit das Gefühl, sie seien wieder Untertan. Ein ominöses "System" steuere alles, auch die Meinung der Leute. Das hat wohl mehrere Ursachen. Eine Rolle spielt dabei gewiss das Gefühl der politischen Ohnmacht in einer komplex gewordenen Welt. Der Einzelne sieht sich im Zuge der Globalisierung seiner Autonomie beraubt. Man überschaut nur noch Teilaspekte. Manche reagieren darauf konstruktiv, indem sie sich verstärkt politisch engagieren, andere, indem sie sich in eine grundsätzliche Oppositionshaltung zurückziehen, in den Hass auf das Establishment. Was wir von Tellkamp zu hören bekamen, ist uns seit Jahren von den Teilnehmern der Pegida-Demonstrationen bekannt: Islamophobie, Furcht vor dem Anderen, Verschwörungsfantasien, diffuse Sozialängste.