Spitze Öhrchen, buschiger Schwanz, winzige Pfoten. Och, wie süß! Die wuseligen Eichhörnchen sind allenthalben beliebt. Man sieht die nervösen Racker leider nur sehr selten; und wenn, bleibt kaum Zeit, die Tiere länger zu betrachten. Schon diese Reihe von Eigenschaften machen die Eichhörnchen (Erkennungsmerkmal: kleine Puschel an den Ohren) zu kostbaren und geschätzten Mitlebewesen.

Jedoch scheint dieses Kleinod der europäischen Fauna bedroht zu sein. Amerikanische Grauhörnchen (Sciurus carolinensis), die im 19. Jahrhundert nach England eingeschleppt worden waren, verbreiteten dort gefährliche Pockenviren, die den roten bis fast schwarzen Eichhörnchen (Sciurus vulgaris) massenweise den Garaus machten. Jetzt drängen die Grauen auch in Richtung Kontinent. Sie seien robust und wanderfreudig, heißt es beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu), und ließen sich von geografischen Barrieren wie Flüssen und ungeeigneten Landschaften oder Industrialisierung nicht aufhalten. In Italien wurden bereits erste Exemplare gesichtet. Obwohl ebenfalls sympathieträchtig fellbedeckt, wirkt so ein Grauhörnchen neben einem Eichhörnchen, als träte ein Football-Recke gegen einen schmächtigen Jockey an. Britannien ist schon fast vollständig in Grauhörnchenhand. Jetzt naht ein Helfer in der Not: der Baummarder (Martes martes).

Am Beispiel des Hörnchenkrieges schildern Biologen von der University of Aberdeen in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Proceedings of the Royal Society B die verwickelte Interaktion wilder Tiere. Bisher sah die Biologie den Aufmarsch invasiver Arten vor allem als Showdown zwischen eingewanderten und eingesessenen Spezies. Doch wie die Hörnchensaga zeigt, wird das den komplex vernetzten Ökosystemen nicht gerecht.

Jenseits des Ärmelkanals schien das Schicksal der kleinen Eichkatzerl besiegelt, geschätzte 140.000 Exemplare (es waren einmal 3,5 Millionen) sind noch übrig. Ihnen stehen inzwischen 2,5 Millionen Grauhörnchen gegenüber. Gleichzeitig wurden die katzengroßen Baummarder (nicht zu verwechseln mit dem kabelbeißenden Steinmarder) dramatisch dezimiert. Die Jagd auf den Räuber – wegen seines Pelzes und weil er gern Geflügel frisst – sowie die zunehmende Zersiedelung ließen seine Population ab dem späten 19. Jahrhundert einbrechen. Inzwischen aber wird er mit großem Aufwand geschützt, etwa im Pine Marten Recovery Project.

Für ihre Untersuchung waren die Biologen nach Schottland aufgebrochen. Dort gibt es drei Regionen, in denen der Baummarder zu verschiedenen Zeiten wieder angesiedelt worden ist. In diesen Zonen hängten die Forscher hölzerne "Multi-Spezies-Fallen" in Bäume. Der universelle Köder für Marder und Hörnchen: eine leckere Nuss-Samen-Mischung. Die Unterseite der Kästen hatten die Fallensteller mit Klebestreifen der Marke Big Cheese präpariert. Um an den Köder zu gelangen, mussten die Tiere an diesem doppelseitigen Klebeband vorbei. Zwangsläufig blieben Haare haften und damit DNA-Proben. Mithilfe dieses Erbmaterials identifizierten die Forscher, wer genau sich am Futter gütlich getan hatte. Gleichzeitig fotografierte eine Kamera die Besucher. Aus diesen Daten ließ sich die regionale Dichte der Fellträgerpopulationen berechnen.

Und siehe da: Über 100 Jahre nachdem Baummarder und Eichhörnchen auf der Insel unter Druck geraten waren, scheint sich jetzt das alte ökologische Gleichgewicht wiederherzustellen. Überall dort, wo sich der Baummarderbestand erholte, hatten auch die Eichhörnchen bessere Überlebenschancen. Zwar fressen die Marder unter anderem Eichhörnchen, bevorzugen aber offenbar die fetteren Happen überseeischer Herkunft. Zumal diese wegen ihrer Arglosigkeit einfach zu kriegen sind: In ihren heimatlichen Gefilden hatten Grauhörnchen diesen Jäger weder kennen- noch fürchten gelernt.

In Deutschland ist das Grauhörnchen offiziell noch nicht gesichtet worden. Was aber, wenn es einen Weg aus Italien fände, um die Alpen herum durch Frankreich? Dürfen auch deutsche Eichhörnchen auf den Beistand der Baummarder hoffen? Hierzulande ist deren Population einigermaßen stabil. Mangels fetter Grauhörnchen fressen diese Marder jedoch Eichhörnchen. In unserem Ökosystem ist der Marder also nicht der Retter der Eichhörnchen, sondern ihr Feind. Nun fressen Füchse gerne Marder. Wo in Deutschland besonders viele Füchse hausen, leben viele Eichhörnchen. So spielen die Protagonisten je nach Region andere Rollen.

Dennoch könnte die Geschichte für die Eichhörnchen hierzulande noch einen fatalen Ausgang nehmen. Denn nicht nur Tierarten, auch ihre Viren gehen auf Reisen. Die Grauhörnchen mögen es bisher nicht nach Deutschland geschafft haben, die Pockenviren schon. Im Raum Berlin grassiert seit vergangenem Jahr ein neuer Typ, nicht verwandt mit den britischen Eichhörnchenpocken, sondern eher mit Viren aus Spanien oder Kanada. Manche infizierte Tiere sterben an dem Berliner Eichhörnchenvirus unter großen Schmerzen. Ob und wie die Pocken sich verbreiten, ob sie die heimische Population bedrohen, ist noch nicht untersucht. Es fehlt ein Schnelltest, mit dem sich die Infektion nachweisen lässt, am Robert-Koch-Institut wird gerade einer entwickelt. Das ist knifflig, denn schon die Blutgewinnung an lebenden Eichhörnchen ist schwer: An Ärmchen und Beinchen festgehalten zu werden bedeutet für die Tiere lebensbedrohlichen Stress.

Vielleicht müssen wir uns also doch mit dem Gedanken trösten, dass Grauhörnchen auch ganz niedlich sind, wenn sie wimmelfleißig Nüsse als Wintervorrat in den Boden stopfen.

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