Es klang gerecht und sozial, was der Bundeswirtschaftsminister sagte. Er wolle 15.000 Arbeitsplätze sichern, erklärte Sigmar Gabriel 2016 wieder und wieder. Es gehe um Menschen, "die nicht viel Geld verdienen und die es ohnehin nicht einfach haben". Der SPD-Politiker setzte sich damals über eine Entscheidung des Bundeskartellamts hinweg, das die Übernahme der Supermarktkette Kaiser’s Tengelmann durch ihren Konkurrenten Edeka verboten hatte. Edeka war zu jener Zeit schon der größte Einzelhändler im Land, und die Wettbewerbshüter befürchteten zu viel Macht für den Konzern.

Mehr als ein Jahr ist das her, und nun zeigt sich, wer den Preis für Gabriels Entscheidung zahlt. Es sind die Lieferanten des Handelsriesen – denn der spielt seine gewachsene Marktmacht eiskalt aus.

Zum ersten Mal zeigte Edeka seine neue Stärke am 29. Dezember 2016, schon wenige Wochen nach Gabriels Ministererlaubnis. Der Konzern schrieb einen dreiseitigen Brief an seine Lieferanten. Darin teilte er mit, dass "die ggf. zwischen Ihrem Hause und Edeka vereinbarten Einkaufspreise und Konditionen insoweit auch für die KT-Organisation zur Anwendung" kommen würden. Die alten Verträge der Lieferanten mit Kaiser’s Tengelmann waren damit ungültig. Ein Angebot war das nicht. Es war eine Feststellung. Und in diesem Stil ging es danach weiter.

Die Lieferanten, vor allem die Hersteller von Nahrungsmitteln, stehen in Deutschland schon länger unter Druck, und der Fall Edeka hat diesen Druck noch mal kräftig erhöht. Die Unternehmen sehen sich seit Jahren fast nur noch wenigen Supermarktketten als Abnehmern gegenüber, was diese nutzen, um laufend Preissenkungen einzufordern. Der Brief von Edeka an die Lieferanten ist nur ein Beispiel für die ruppigen Methoden der Einkäufer bei den Handelsriesen, mit denen sie Wursthersteller, Keksfabrikanten oder Landwirte konfrontieren.

Der Fall Kaiser’s Tengelmann war nur der jüngste Akt in einer Reihe von Übernahmen

Die Supermärkte drohen damit, dass die Produkte der Hersteller aus den Regalen der Märkte fliegen, wenn sie sich nicht fügen. Das zeigen Gespräche der ZEIT mit Geschäftsführern, Verkäufern und Beratern aus der Branche, von denen die meisten aus Angst vor möglichen Sanktionen der Einzelhändler anonym bleiben wollen.

So ist es zum Beispiel beim leitenden Verkäufer eines deutschen Lebensmittelkonzerns, der hier Markus Schulz heißen soll. Auch Schulz’ Unternehmen erhielt das Edeka-Schreiben zur Übernahme von Kaiser’s Tengelmann. Es war eine schlechte Nachricht für die Firma. Sie bekam auf einmal weniger Geld für ihre Ware, weil Kaiser’s Tengelmann zuvor mehr bezahlt hatte als Edeka. Die Forderung kostete Schulz’ Firma eine sechsstellige Summe. Edeka ist die größte deutsche Supermarktkette, und für viele Produzenten ist sie der wichtigste Kunde. Deshalb bekommt sie oft günstigere Konditionen als die Konkurrenz.

In den Monaten nach der Übernahme bewarb Edeka seine neuen Märkte mit roten Plakaten: Die Kunden müssten für ihre Einkäufe nun zehn Prozent weniger Geld ausgeben "als zu Kaiser’s Zeiten". Markus Schulz sagt: "Zahlen mussten dafür die Hersteller."

Schulz hat als Ort für das Treffen eine Kneipe vorgeschlagen. Immer wieder schaut er hinüber an die Nachbartische, als prüfe er, ob jemand mithört. Er wirkt aufgewühlt. Denn Schulz tut etwas, das in dieser Branche selten vorkommt: Er legt Zahlen vor, Briefwechsel und schriftliche Vermerke. Er findet, die Kunden sollten erfahren, wie die großen Supermarktketten mit ihren Lieferanten umgehen: "Die meisten Menschen in meinem Umfeld konnten sich überhaupt nicht vorstellen, was ich in meinem Beruf erlebe."

Besonders viel erlebte Schulz zuletzt mit Edeka. Er sagt: Erst habe die Supermarktkette ihre eigenen Konditionen durchgesetzt, und dann habe es nicht lange gedauert, bis sich ihre Einkäufer schon wieder mit neuen Wünschen gemeldet hätten.