Von Eldbjørg Hemsing gibt es ein Foto, da steht sie als Kleinkind bei ihren Eltern im Wohnzimmer, im dicken purpur gemusterten Wollpullover und mit vor Konzentration geröteten Wangen. Im Mund hat sie einen Schnuller und im Arm, mit zum Spiel angesetztem Bogen – eine Geige.

Zwei Jahre alt mag sie auf dem Foto sein, wenn nicht jünger. Nur vier Jahre später hat Eldbjørg Hemsing ihren ersten öffentlichen Konzertauftritt, mit elf folgt ihr Debüt als Solistin mit dem Bergen Philharmonic Orchestra, mit 22 feiert sie ihren internationalen Durchbruch, als sie bei der Friedensnobelpreisverleihung in Oslo spielt.

Das ist jetzt sechs Jahre her. Hemsing sitzt im ersten Stock eines Berliner Altbaus auf der hellen Couch eines Künstleragenturbüros, lange weißblonde Haare, grünblaue Augen, in den Händen eine Tasse Tee. Es ist ihr 28. Geburtstag, ein sonniger Samstag, auf dem Tisch stehen Cupcakes vom Konditor und eine kleine Kerze. Sie lehnt sich auf der Couch zurück, lächelt, fast ist es, als wäre sie eine gute Freundin.

In diesen Wochen erscheint ihre erste Solo-Einspielung, die erste von vier CDs in einer Reihe des schwedischen Labels BIS. Lange hat Hemsing gezögert, ins Studio zu gehen, "ich dachte immer, ich bin doch niemals im Leben so weit mit einem Stück, dass ich es aufnehmen könnte. Den Gedanken fand ich gruselig – ›fertig‹ zu sein." Jetzt hat sie es getan: "Irgendwann habe ich verstanden, dass es nicht darum geht, ein Stück abzuschließen, sondern darum, einen Moment festzuhalten. Fertig ist man nie."

Zusammen mit den Wiener Symphonikern unter Olari Elts hat sie sich einem so gut wie vergessenen Stück Musikgeschichte gewidmet: dem Violinkonzert in G-Dur von dem 1864 geborenen Hjalmar Borgström, dessen Musik die Interpretin zurück auf die Bühnen bringen will. Uraufgeführt wurde es 1914 – und dann bis zu Hemsings Einspielung nur noch ein einziges Mal gespielt. Sie bekam die Noten vor Jahren von einem Freund der Familie geschenkt und hat zuerst gar nicht reingeschaut, das Heft verstaubte zu Hause. Viel später erst fand sie es beim Kramen wieder und war auf Anhieb begeistert. "Was für eine fantastisch schöne, romantische Musik, und dabei auch noch gut spielbar!" Was nicht meint, dass es nicht überbordend virtuos wäre: "Ich war beim Üben zwischendurch schon ziemlich überrumpelt", sagt Hemsing und lacht dabei.

Borgström hat für Hemsing einen besonderen Klang. Seine Musik erinnert sie an ihre Kindheit, das elterliche Wohnzimmer, an Norwegen, ihre Heimat, "der ich mich komischerweise umso verbundener fühle, je weiter und länger ich von dort weg bin". Auch wenn Borgström sich stilistisch in der Tradition der deutschen Romantik bewegt, bleibt er in seiner Rhythmik, seiner einfachen Harmonik doch ganz Norweger. "Die Klarheit der Tonalität", sagt Hemsing, "hat etwas von dem Klang der Hardångerfiedel, mit dem ich groß geworden bin." Es ist ein winziges Dorf, das sie meint, wenn sie von ihrem Zuhause spricht: ein Nest bei Nord-Aurdal in den norwegischen Bergen mit etwas mehr als 500 Einwohnern. In Hemsings Erinnerung war es dort immer still und kalt, ständig lag Schnee, sie fuhr mit Skiern zur Schule. Ein Astrid-Lindgren-Idyll.

Für ihre internationale Solistinnen-Karriere musste sie dieses Idyll dauerhaft verlassen. Die Skier tauschte sie gegen Rollkoffer und Flugzeuge ein, bald konzertierte sie in der ganzen Welt, und seit fast einem Jahr wohnt sie nun in Berlin. Ihr Leben hat sich mal eben auf den Kopf gestellt. Als einzige Konstante bleibt Musikern in solchen Situationen oft die Verbindung zu ihrem Instrument. Hemsing spielt eine 264 Jahre alte Guadagnini, eine Leihgabe. Die Geige wurde – was sehr selten vorkommt – wenig bearbeitet und ist sozusagen noch "original", und das hört man auf der CD. Die Klangfarben sind vielseitig, voller unterschiedlicher warmer und auch brillanter Register, und wie Hemsing mit diesem jahrhundertelang gewachsenen Reichtum umgeht, ist meisterhaft: den Eigenheiten der Geige zugewandt und hellwach darin, auf sie zu reagieren, feinsinnig in der Klanggebung und klug in der Akzentuierung. Jedes Vibrato, jedes Tempo kommt wohldurchdacht. Das Schostakowitsch-Konzert pointiert Hemsing sowohl in seiner ausgedehnten Klage als auch in seiner fratzenhaften Bissigkeit, ohne es je zu überzeichnen. Borgström hingegen lässt sie eine sprühende, selbstbewusste, nahezu unbeugsame Dynamik entwickeln. Es entsteht eine einzigartig filigrane musikalische Balance zwischen den beiden Konzerten, die Achse dazwischen ist Hemsings unverkennbare klangliche Konsequenz. Das ist temperamentvoll und zugleich sehr reif.

Die Geigerin aus Aurdal, die schon längst die Bühnen der Welt gesehen hat, schöpft eine wundersame Kraft aus diesem Gegensatz: Inmitten ihres weltgewandten Drives bewahrt sie sich die Intimität des Idylls wie einen Schatz. Mit ihrer Aufnahme hat sie genau den richtigen Zeitpunkt abgepasst – und ein musikalisches Statement gesetzt.

Eldbjørg Hemsing, Wiener Symphoniker: Borgström – Violin Concerto Op. 25 / Shostakovich – Violin Concerto No. 1 (BIS)