Es gibt Menschen in Fußballkreisen, die behaupten, Steffi Jones sei als Spielführerin der Deutschen Frauennationalmannschaft gescheitert, weil sie zu nett gewesen sei. Ein lieber Mensch sei per se kein guter Trainer. Wer eine Mannschaft führt, der muss knallhart sein können – zu sich selbst und auch zu anderen. Sonst geht er unter, weil er wie ein Hedgefonds-Manager nicht an Entwicklungen, sondern an Momentaufnahmen und kurzfristigen Ergebnissen gemessen wird.

Steffi Jones wurde am vergangenen Dienstag als Nationaltrainerin entlassen, und sie ist an Überforderung gescheitert. Als ihr der ehemalige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach 2016 das Team anvertraute, hatte die Mannschaft gerade Gold in Rio gewonnen. Ohnehin räumte Vorgängerin Silvia Neid alle Pokale ab, die zu vergeben waren: Sie wurde Weltmeisterin, in Europa gewann sie sowieso alles. Jones gewann als Trainerin nichts.

Nachfolgerin einer erfolgreichen Leitfigur zu sein ist immer eine Last. Es wird Innovation erwartet und gleichzeitig jegliche Veränderung hinterfragt. Besonders schwierig ist es, wenn man wie die Frankfurterin kaum Erfahrung hat. Die fehlende Routine wird deutlich unter Druck, ständig verspürt man den Drang, sich rechtfertigen zu müssen, und macht sich dadurch angreifbar. Zwar spielte Jones 111-mal für das DFB-Team und agierte als OK-Chefin bei der Heim-WM 2011, als Trainerin kam sie über eine Lizenz jedoch nicht hinaus.

Während Teams wie das von Frankreich, Ausrichter der Frauen-WM 2019, mittlerweile in der Lage sind, dem Gegner taktisch raffiniert ihr Spiel aufzuzwingen, war bei den Deutschen schon lange keine neue Linie mehr zu erkennen. Daran allein ist Jones aber nicht gescheitert. Gefährlicher war der Verlust an Autorität. Die Mannschaft spürte ihre Unsicherheit, forderte, Kader-Entscheidungen zurückzunehmen, und führte sie zuletzt öffentlich vor – wie ein Torero den Stier in der Arena.

Jones wollte diesen Job. Man muss sie für ihr Scheitern nicht bemitleiden. Aber die Verantwortung für den Misserfolg trägt immer die übergeordnete Instanz, in diesem Fall der Verband. Der DFB kannte die Voraussetzungen, die Frage ist also: Warum wurde die 45-Jährige überhaupt ausgewählt? Oder: Wurde Steffi Jones vielleicht zwanghaft mit einem Heiligenschein versehen? Natürlich ist es für das Image des DFB förderlich, einer Frau, die sich hochgekämpft hat, eine Führungsposition anzuvertrauen. Es wirkt verkrustet, wenn man immer wieder auf Horst Hrubesch zurückgreift, die erfahrene männliche Seele unter den DFB-Trainern. Der 66-Jährige hat das Traineramt für die kommenden zwei Spiele übernommen. Und es wäre ein Fehler, nun aus Angst einen Mann auszuwählen. Aber gerade weil es eine der entscheidenden Herausforderungen für einen von Männern dominierten Verband ist, Frauen in Führungspositionen zu fördern, sollten sich die Verantwortlichen genau überlegen, wen sie auswählen. Frauen beherrschen die Kunst, liebevoll durchzugreifen.