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Vor einigen Jahren ließ Andrea Bleher ihr Haus blau anstreichen. Es war in die Jahre gekommen, das Holz war nicht mehr besonders ansehnlich. Bleher selbst hatte sich daran nicht gestört, sie hätte ihr Holzhaus am liebsten vergrauen lassen. Gestört hat sie das Gerede der Leute im Dorf.

Bleher ist Christin. Nicht nur an Weihnachten und auch nicht nur, wenn sie sonntags in die Kirche geht. Sie ist es dauernd. Sie hat Jesus im Herzen, wie sie es ausdrückt. Alles in ihrem Leben dreht sich um den Mann aus Nazareth; alles, was sie tut oder unterlässt, begründet sie mit Worten, die in der Bibel von ihm überliefert sind.

Blehers blaues Haus steht in Untermünkheim im Nordosten Baden-Württembergs. Von ihrem Küchenfenster aus kann sie hinunter ins Kochertal schauen. Hier lebt sie mit ihrem Mann. Die meisten der sieben Kinder sind bereits ausgezogen. Es ist ein großes Haus mit einem riesigen Esstisch, an dessen Kopf Bleher alleine ein wenig verloren wirkt. Und je mehr Zeit verstreicht, je mehr Herzlichkeit, Lasagne und Rotweinkuchen auf den Tisch kommen, desto schwerer wird es für den Reporter, in Andrea Bleher zu sehen, was, wie sie befürchtet, weite Teile Deutschlands in ihr sehen würden: eine Fundamentalistin mit Glaubens- und Lebensvorstellungen aus einer vergangenen Zeit.

Bleher hat oft das Gefühl, falsch verstanden zu werden. Auch das Treffen mit einem Journalisten hat ihr Unbehagen bereitet. Eine ihrer Töchter hat ihr davon abgeraten, Gott aber habe ihr Mut gemacht, sagt sie. Wie er es immer tut, wenn sie Furcht hat.

Wie sie lebt und wofür sie steht, so glaubt die 53-jährige Landwirtin, ist in Verruf geraten – wie die Farbe ihres Hauses, seit die AfD nicht nur die Farbe Blau, sondern vor allem das vereinnahmt, was Bleher Konservatismus nennt. Viele blicken abschätzig auf Menschen wie Andrea Bleher. Linke Stadtakademiker stellen eine wie sie aufgrund einzelner Begriffe in die rechte Ecke, stempeln sie gar als homophob oder antisemitisch ab. Sie kennt das Gefühl seit Kindheitstagen. Bleher ahnt, dass sie sich mit ihren Ansichten oberflächlich betrachtet gut auf einem Plakat der Rechtspopulisten machen würde, obwohl sie überhaupt nichts mit der Partei zu tun haben will.

Sie glaubt eben nur, dass Deutschland mehr von Jesus vertragen könnte. Deshalb engagiert sie sich in der evangelischen Kirche für die klassische Ehe, für weniger Abtreibungen. Sie ist für die Mission unter Juden und Muslimen, auf dass auch sie Jesus als ihren Heiland anerkennen. "Zeugnis geben" nennt Andrea Bleher das. Das könne sie niemandem vorenthalten, auch wenn es vielleicht unbequem ist, Juden zum Glauben an Jesus einzuladen. Sie findet nicht, dass der Glaube nur Privatsache ist. Im Gegenteil, sie meint, dass Jesus überall vorkommen sollte. In den Schulen zum Beispiel, auch in der Politik.

Andrea Bleher gehört zu einer mächtigen Minderheit. Sie ist Evangelikale. Sie ist eine von denen, die glauben, dass die Bibel mehr ist als eine Sammlung altehrwürdiger Geschichten: Sie ist wörtlich zu nehmen. In Baden-Württemberg ist diese Strömung besonders stark, aber auch im Rheinland, im Siegerland oder in Sachsen leben viele Pietisten und Evangelikale. Insgesamt machen sie Schätzungen zufolge ein bis drei Prozent der Deutschen aus, weltweit sollen etwa 30 Prozent aller Christen evangelikal sein.

Die deutschen Evangelikalen sind entschlossen, das Land christlicher zu machen. Sie betreiben einen eigenen Fernsehsender, verschiedene Magazine, sie haben einen Beauftragten für die Bundesregierung. "Evangelikale", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel vor einigen Jahren, "sind für mich intensiv evangelische Christen." Unionsfraktionschef Volker Kauder ist mit den Evangelikalen eng verbunden, Hermann Gröhe entstammt dem frommen Christlichen Verein Junger Menschen, CVJM.