DIE ZEIT: Sie sind Anwältin, arbeiten ehrenamtlich als Frauen- und Compliance-Beauftragte im Aufsichtsrat des FC Barcelona und managen eine Familie, zwei Töchter ...

Maria Teixidor: ... bevor Sie fragen, ob mich das auffrisst: Nein, das tut es nicht. Ich mag es, zu strukturieren.

ZEIT: Fühlen Sie sich benachteiligt als Frau in dieser von Männern dominierten Fußballwelt?

Teixidor: Sie etwa nicht? Natürlich sind wir benachteiligt. Aber die Erkenntnis musste erst mal in mir reifen.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Teixidor: Als ich klein war, da war es ganz normal, meinem Vater zu Hause beim Kochen zuzuschauen, meine Eltern waren beide berufstätig. Ich bin nicht in dem Bewusstsein aufgewachsen, eine Frau habe es schwerer als ein Mann. Ich habe eine internationale Schule besucht, für mich war das Leben damals ein unendliches Universum an Möglichkeiten. Meine Schule war eine französisch geführte, nach dem Motto: Liberté, Égalité, Fraternité ...

ZEIT: ... Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Teixidor: Wie naiv der Gedanke der Gleichberechtigung ist, habe ich erst verstanden, als ich auf die Universität kam, da merkte ich: Irgendwas läuft hier schief. Ich habe als Frau bei Weitem nicht die Möglichkeiten, die die Männer um mich herum haben. Man gab mir das Gefühl, sie nicht zu haben. In der Berufswelt spüre ich es noch heftiger.

ZEIT: Und trotzdem sitzen Sie heute im Aufsichtsrat des FC Barcelona.

Teixidor: Ich bin seit meinem 16. Lebensjahr Mitglied dieses Vereins. Mein Vater hat mich schon als Kind mit ins Stadion genommen. Fußball ist in Barcelona Teil der Familientradition. Väter geben ihre Liebe zum Verein an Söhne und an Töchter weiter. Ich hätte zwar damals nicht gedacht, dass ich mal auf diesem Stuhl sitzen würde, aber ich hätte es auch nicht für unmöglich gehalten.

ZEIT: Nicht jedes Mitglied steigt in den Aufsichtsrat auf – vor allem nicht jede Frau.

Maria Teixidor, 42, Anwältin und im Aufsichtsrat Barças © Germán Parga/FC Barcelona

Teixidor: Dieser Club hat eine 119-jährige Geschichte, und als ich hier anfing, bat ich darum, die Entwicklung der Frauen im Club zu recherchieren. Ich bin die zwölfte im Aufsichtsrat seit der Gründung.

ZEIT: Klingt gar nicht so schlecht.

Teixidor: Na ja, jedenfalls habe ich als Kind mit dem Bruder des Präsidenten Josep Bartomeu Tennis gespielt. Ich unterstütze Josep Bartomeu seit seinem Wahlkampf bei Barça in den Jahren 2003 und 2010.

ZEIT: Sie sind also über Beziehungen reingerutscht.

Teixidor: Ich finde das weder verwerflich noch außergewöhnlich. Die ganze Welt besteht aus Beziehungen. Es war eine Mischung aus persönlichem und professionellem Umgang. Als Josep Bartomeu sich 2015 entschied, als Präsident zu kandidieren, fragte er mich, ob ich Teil seines Teams werden wolle. Ich erinnere mich noch genau an den Anruf. Als mir klar wurde, dass er mich wirklich in sein Team integrieren wollte, dachte ich: Wow!

ZEIT: Hatten Sie Angst, wohl wissend, dass es erst elf Frauen vor Ihnen in führenden Positionen gab?

Teixidor: Das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ernsthaft: So ein Angebot konnte ich nicht ablehnen. Ausgeschlossen. Mein Leben war damals arbeitsmäßig an einem Wendepunkt, und so dachte ich einfach nur: Time is now! Mach es! Es wird auf jeden Fall ein Abenteuer. Außerdem war es an der Zeit, als Frau Optionen wie diese zu ergreifen und zu beweisen, was ich kann. Ich lerne in diesem Amt so viel über das Leben, über Menschen, über Politik.

ZEIT: Und ein bisschen über Fußball.

Teixidor: Klar. Aber glauben Sie mir: Fußball ist Politik. Gerade hier. Für den FC Barcelona zu arbeiten, das ist immer auch ein politischer Auftrag. Der Verein gehört nicht einem privaten Eigentümer, er gehört dieser riesigen Masse an Mitgliedern: 153.000. Alle sechs Jahre wird gewählt. Im vergangenen Jahr habe ich eine Veranstaltung in Island besucht. Beim Abendessen wiesen mich ein paar Frauen darauf hin, dass Island 300.000 Einwohner hat, sie sagten, das sei nun so als hätte mich ein halbes Land gewählt. Da wurde mir erst die Dimension klar. Und auch die Verantwortung.

ZEIT: Wofür genau sind Sie verantwortlich?

Teixidor: Ich kümmere mich um die Belange von Frauen im Verein. Es gibt eine Arbeitsgruppe, die nach dem ersten weiblichen Führungsmitglied Barças benannt ist, Edelmira Calvetó. Es geht darum, die Geschichte der Frauen im Verein wachzuhalten, die Vergangenheit sichtbar zu machen. Barça hat 26 Prozent weibliche Mitglieder. Sie sollen spüren, dass sich der Verein ihren Belangen zuwendet, anstatt sich in einer Männerwelt einzuschließen.

ZEIT: Wie genau wollen Sie das erreichen?

Teixidor: 2011, vor meiner Zeit, veröffentlichten wir ein Foto, auf dem die Box des Präsidenten nur mit Frauen aus dem Verein und der Society gefüllt war ...

ZEIT: ... klingt nett, aber ein Foto allein bedeutet noch keine Veränderung.

Teixidor: Es ging ja erst mal darum, das Anliegen sichtbar zu machen. Zuletzt haben wir die weiblichen Mitglieder zu zwei Workshops eingeladen.

ZEIT: Was wurde da besprochen?

Teixidor: Wir wollten herausfinden, was sie umtreibt. Das ist das Grundproblem in unserer Gesellschaft: Es gibt kaum Foren, in denen die Bedürfnisse der Frauen formuliert werden. Wir wissen alle, dass sich was verändern muss, aber wenn wir nicht formulieren, was genau wir wollen, bleiben es Wünsche, und die verhallen.

ZEIT: Sind Frauen talentiert darin, ihre Bedürfnisse zu formulieren?