Als am 5. Februar plötzlich die Kurse purzeln, weiß niemand so richtig, warum. In New York rauscht der Dow Jones, Amerikas wichtigster Aktienindex, um 1175 Punkte nach unten, so viel wie noch nie an einem Tag. Auf dem Börsenparkett reiben sich Händler fassungslos die Augen. Und ihre Panik verbreitet sich wie ein Virus auf dem Globus. Auch an den Börsen in Frankfurt, Tokio, Shanghai und Sydney fallen kurz darauf die Kurse. Die alte Angst vor einem Finanzcrash, der die Weltwirtschaft in Schutt und Asche legt, ist zurück.

Mittlerweile ist zwar klar, dass dieser "Flash Crash", so nennen Finanzexperten einen urplötzlichen Einbruch der Kurse, noch einmal glimpflich ausgegangen ist. Die Börsen haben sich schnell wieder erholt, die Weltwirtschaft war stark genug, das Panik-Virus in Schach zu halten. Und doch bleibt ein mulmiges Gefühl zurück. Denn noch immer ist unklar, was den Flash Crash eigentlich ausgelöst hat, welche Mächte am Werk waren. Und ob sie beim nächsten Mal nicht Schlimmeres anrichten könnten.

Besonders brisant ist der Vorwurf eines anonymen Whistleblowers, der sich über die US-Anwaltskanzlei Zuckerman Law zu Wort gemeldet hat. Laut der Kanzlei handelt es sich um einen Banker, der im Management mehrerer großer Investmentbanken gearbeitet hat, ein Insider also. Im Brief der Kanzlei, adressiert an die amerikanische Börsenaufsichtsbehörde SEC, ist von "Betrug" die Rede. Im Kern lautet der Vorwurf, dass Banken den Markt manipuliert und so den Flash Crash mitverursacht hätten. Sollte das stimmen, wären kriminelle Banker für einen Beinahekollaps verantwortlich.

Quelle: finanzen.net © ZEIT-Grafik

Aber war es wirklich so? Es ist eine große, eine wichtige Frage. Wer versucht, sie zu beantworten, muss allerdings tief hinab in das Klein-Klein der Finanzmarkt-Arithmetik. Im Mittelpunkt der Debatte steht ein sehr spezieller Index, der Volatility Index der Chicago Board Options Exchange, kurz Vix. Man kann ihn sich als eine Art Gefahrenindex vorstellen. Je ruhiger es am Markt zugeht, desto niedriger ist sein Wert. Je größere Kursausschläge Anleger erwarten, desto höher steigt er. Im vergangenen Jahr, als es an den Börsen meist gemütlich nach oben ging, erreichte der Vix selten einen Wert über 15. Dann aber schoss er Anfang Februar zeitweise auf fast 40 in die Höhe. Für Anleger ist das, als würde eine Alarmglocke läuten.

Warum aber läutete diese Glocke auf einmal so heftig? Mit realwirtschaftlichen Daten lässt sich das kaum erklären. Zwar hatten Anleger schon länger die Sorge, dass die US-Wirtschaft überhitzen könnte. Neue Zahlen, die eine Panik an den Börsen erklären könnten, gab es aber nicht. Konjunktur, Inflation und Arbeitsmarkt lieferten keine Horrormeldungen, sondern entwickelten sich eher langweilig-solide innerhalb des üblichen Rahmens. Wurde also, wie es der Whistleblower beschreibt, ein falscher Alarm ausgelöst? Und falls ja: von wem? Und mit welchem Interesse?

Man kann sich den Finanzmarkt als eine riesige Spielwiese vorstellen. Der Fantasie hochkreativer, blitzgescheiter Banker werden hier kaum Grenzen gesetzt. Mit Futures, Optionen und anderen Derivaten kann man eigentlich auf alles wetten: auf Preise von Schweinehälften, auf die Pleite ganzer Staaten und eben auch auf den Vix. Er ist also nicht nur ein Gefahrenindex, der Anlegern signalisiert, wie turbulent sich die Märkte voraussichtlich entwickeln, sondern der Vix selbst, und das macht es so heikel, ist ein Objekt der Spekulation. Er ist wie eine Alarmglocke, die, wenn sie bimmelt, ein paar Menschen sehr viel reicher und viele andere deutlich ärmer macht.

In den vergangenen Jahren, als das Wetten auf einen fallenden Vix ein lukratives Geschäft war, explodierte die Nachfrage nach solchen spekulativen Wertpapieren. Ein Beispiel ist der Velocity Shares Daily Inverse Vix (XIV) der Schweizer Bank Credit Suisse. Wer das Papier von Anfang 2015 bis Ende 2017 hielt, konnte sein Geld verdreifachen. Aber dann krachte es. Am Morgen des 5. Februar hatten Anleger noch 1,6 Milliarden Euro in dem Produkt investiert. Am Ende des Tages war das Geld weg. Schlecht für die Käufer dieser Art von Wertpapieren. Aber gut für die Verkäufer, vor allem Banken, die ihren Kunden nun keine Gewinne mehr auszahlen mussten.

Haben Banken deshalb manipuliert? Das zumindest ist der Vorwurf des anonymen Whistleblowers. Alles Quatsch, sagt hingegen die Chicago Board Options Exchange (CBOE), die den Vix herausgibt und an den Geschäften mit ihm kräftig verdient. Der Brief des Whistleblowers sei "voller inkorrekter Behauptungen, Missverständnisse, Fehler". Er zeige, dass die Zusammenhänge nicht wirklich begriffen wurden. Es ist eine nicht untypische Verteidigungsstrategie. Wer komplexe Finanzgeschäfte anzweifelt, wird von denen, die an ihnen verdienen, gern als unwissend dargestellt. Die enorme Komplexität dient dann als Trutzburg, in der man sich verschanzen kann. Wer’s kritisiert, hat’s eben nicht kapiert.