Es gibt ja Dinge, die gibt es gar nicht, und dann gibt es sie doch: Das ambitionierte Freejazzfestival zählt dazu, das lokale Enthusiasten kommende Woche in Saarbrücken abhalten.

Free Jazz, das ist die Musikform, die vor 50 Jahren aus Amerika nach Deutschland kam und da wie hier nie populär wurde.

Free Jazz, das ist für viele Musikfreunde das Schlimmste überhaupt, dieses Gequietsche! Und jetzt fünf Tage davon, und nicht etwa in Berlin, sondern ganz am Rand der Republik?

Schon "Jazz" allein, ohne "Free", ist ja nicht ganz einfach. Einerseits schmücken sich Festivals gern mit dem Wort "Jazz", weil es irgendwie verwegen klingt, interessant, nach Geschmack, Nacht und Rauch; andererseits möge die Musik bitte nicht so schwierig sein. Es gibt heute in Deutschland etliche Jazzfestivals, auf denen kaum Jazz zu hören ist, sondern nur blau angefärbter Konsens-Pop. Die Hörer müssten "abgeholt" werden, heißt es dann zur Begründung, welch eine hübsche kleine Nazi-Vokabel.

Ganz anders liegen die Dinge in Saarbrücken. Da lautet das Credo: Wir bringen wilde, freie Musik, die uns stimuliert und fordert, und ob sie Ihnen gefällt, das dürfen Sie selber entscheiden. Da geht es um Energie und Gegenwärtigkeit, wenn junge Musiker wie die dänische Extrem-Saxofonistin Mette Rasmussen oder der phänomenale Berliner Schlagzeuger Christian Lillinger unsere Zeit in Töne fassen. Er virtuos, hyperaktiv, kleinteilig, superverschaltet. Sie ekstatisch, gewalttätig, abstrakt, besessen.

Da geht es auch um den langen Atem der Geschichte, wenn der Pionier Peter Brötzmann, gerade 77 geworden, in die Klarinette oder ins Tárogató bläst. Einer legendären Platte von ihm ist das Festival gewidmet: Celebrating the 50th Birthday of "Machine Gun". Das auf Englisch abgefasste Motto signalisiert: Die deutsche Provinz kann international und offen sein.

Also auf nach Saarbrücken! Ich dachte, ich fahre schon vor dem Festival mal hin, um mir einen Eindruck zu verschaffen von einer Stadt, in der man etwas wagt, statt auf Nummer sicher zu gehen wie fast überall – was ja immer mehr zu einem Problem unseres Grokolandes wird.

Unterwegs Zwischenstopp in Wuppertal. Hier hat Brötzmann in den sechziger Jahren den ersten Free Jazz in Deutschland gespielt. Hier hat er mit dem Schrei seines Saxofons Erstarrtes aufgebrochen, Krasses ins Brave gebracht: "Eine brutale Gesellschaft provoziert natürlich eine brutale Musik." Noch immer wohnt er zur Miete in einem geduckten Altbau mit angeschlossenem Atelier, ist aber selten da. Moskau, St. Petersburg, Tampere, Malmö, Kopenhagen, Osaka, Sydney, Wien, London, Antwerpen. Die Welt will ihn hören.

Wir setzen uns in sein Arbeitszimmer, umgeben von Literatur und Kunst, Hokusai, Thomas Pynchon und Thelonious Monk. Brötzmann kocht Tee, bringt er sich immer aus China mit. Was hat es auf sich mit Machine Gun?

Tiefster, brummiger Bass aus weißem Vollbart: "Ich treffe immer noch Leute, die sagen: 'Als ich Machine Gun hörte, hat sich alles verändert. Meine Güte, was war das für eine Musik!' "

Aufgenommen 1968 in der Lila Eule in Bremen, einem Lokal studentischer Unruhe. Drei Saxofone, Klavier, zwei Bässe, zwei Trommler. Auf dem Cover zwei Soldaten mit Maschinengewehr. Mit dem ersten Ton wird das Feuer eröffnet, ein Frontalangriff auf die Hörgewohnheiten, der bis heute nachhallt. "Wenn ich in Neuseeland vom Radio interviewt werde, ist Machine Gun das Erste, was auf dem Teller liegt."

Die Platte haftet ihm an; er nimmt es gelassen, wiewohl er in seinen Konzerten das Jetzt umkreist und an dem, was mal war, nicht übermäßig interessiert ist. Zudem gebe es da auch ein Missverständnis: Free Jazz im eigentlichen Sinne sei Machine Gun ja gar nicht gewesen! Das Bläser-Stakkato zu Beginn der Aufnahme hätten sie ausgiebig geprobt; dann der kompositorische Rahmen, sogar "mit etwas Rock ’n’ Roll" zwischendurch. So war es wohl eher das Laute und Harsche, was bei rebellischen Zeitgenossen einschlug mit einer Kraft, wie sie erst zehn Jahre später der Punk wieder entfalten sollte.