Als Gerichtsmedizinerin habe ich zehn Jahre lang täglich Leichen obduziert. Auf meinen Tisch kamen alle unklaren Fälle, unerwartete Tode, Selbstmorde – und anders, als TV-Krimis vermuten lassen, nur in jedem dreißigsten Fall ein Tötungsdelikt.

Meistens war ich mit dem Toten allein. Nur wenn die Obduktion vom Gericht oder vom Staatsanwalt angeordnet wird, arbeitet man zu dritt, zwei Ärzte und ein Sektionsgehilfe. Der Sektionsgehilfe näht die Leiche zum Schluss wieder zusammen und richtet sie her, damit Angehörige sich verabschieden können, ohne Spuren unserer Arbeit zu sehen.

Eine Obduktion beginnt mit der äußeren Leichenschau. Ich suche Verletzungen und prüfe, ob alle Körperöffnungen intakt sind. Dann mache ich einen T-Schnitt über den Oberkörper: von Schulter zu Schulter und in gerader Linie nach unten. Ich untersuche nach und nach die Gewebeschichten – Fettgewebe, Muskeln – auf Verletzungen. Im Hals können Unterblutungen auf Gewalteinwirkung, etwa Drosseln oder Würgen, hindeuten. Dann kommen die Organe, die hole ich in Paketen raus: erst das Herz, dann die Lunge, dann die Bauchorgane, Magen, Darm, dann die Nieren mit der Harnblase. Ich lege sie auf einen Tisch, wasche das Blut ab und gucke mir alles einzeln an. Für toxikologische Untersuchungen nehme ich Proben von Blut, Mageninhalt und Urin.

Den Kopf öffnet meist der Sektionsgehilfe – mit einem Schnitt quer über den Scheitel, von einem Ohr zum anderen. Die Kopfschwarte wird nach vorn übers Gesicht geklappt, dann wird mit einer lauten Säge der Schädel geöffnet und das Gehirn entnommen. Die Schädelknochen untersuche ich auf Brüche, das Gehirn auf Verletzungen, Tumoren oder andere Auffälligkeiten.

Meine längste Obduktion dauerte acht Stunden, ein Mordopfer mit sehr vielen Verletzungen. Aber selbst Routineuntersuchungen bringen überraschende Ergebnisse. Bei einer Leichenschau im Krematorium fiel mir einmal eine Einstichstelle am Arm eines Toten auf. Die passte nicht zum Bericht des Hausarztes, der Mann sei einer Krebserkrankung erlegen. Die Obduktion führte dann zu einer Mordanklage gegen die Ehefrau und den Hausarzt: Todesursache war eine Überdosis Schlafmittel.

Der Umgang mit Leichen war nie belastend für mich, die Menschen, die vor mir lagen, hatte ich ja nicht persönlich kennengelernt. Seit einigen Jahren arbeite ich als Internistin im Krankenhaus. Einem lebenden Patienten zu sagen, dass er todkrank ist, finde ich viel schwieriger.

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Protokoll: Jessica Braun