Horst Seehofer hat ein denkwürdiges Motto für die neue Regierung geprägt: "Eine große Koalition für die kleinen Leute." Zunächst denkt man: Genau, toll, wurde auch Zeit! Dann jedoch beginnt man sich zu fragen: "Kleine Leute" – wer soll das sein? Es klingt ein bisschen nach sechziger Jahren, nach Frikadelle und Opel Kadett.

Doch damit tut man Horst Seehofer unrecht, weil es für die, die er meint, tatsächlich keine guten Begriffe gibt. Anders als bei Fragen der Ethnie oder des Geschlechts fehlt es beim Sozialen an sprachlicher Sensibilität, man könnte sagen: Es herrscht zu wenig Political Correctness. Wie soll man sie nennen: Unterprivilegierte? Ein Wort wie ein Sprühverband! Globalisierungsverlierer? Das ist pejorativ und verharmlosend, schließlich geht es hier nicht um eine Niederlage im Monopoly, sondern um das richtige Leben. Sozial Schwache? Noch schlimmer! Schließlich sind die Schwachen oft sozial sehr stark, die Starken hingegen sozial überaus schwach.

Früher hätte man sie Unterdrückte genannt, aber so viel Aufschrei kann keiner von Seehofer verlangen, davor schreckt selbst die SPD schon lange zurück. Also doch "kleine Leute"? Nein – vier Mal nein.

Groß ist jemand, der seinen Mitmenschen mehr Güte, Witz und Zuwendung gibt

Nein, weil der Begriff seine eigene Genese zum Verschwinden bringt. Denn dass die neue Groko plötzlich auf die Bedürfnisse derer setzen will, die es schwerer haben, hat ja wohl damit zu tun, dass diese Leute sich neuerdings eindrucksvoll zu wehren wissen. Sie schärfen in den sozialen Medien ihre Argumente, sie wählen nicht mehr nicht – sie wählen die Partei, mit der sie die "großen Leute" am besten ärgern können. Man muss das nicht mögen, aber es ist: Gegenmacht. Die vermeintlichen "kleinen Männer" und ihre Frauen sind aus ihren Demutshöhlen gekommen.

Nein, weil in dem Adjektiv "klein" die Arroganz der Mächtigen, Reichen oder sonst wie Privilegierten reproduziert wird. Groß ist demnach jemand, der einen akademischen Abschluss hat, eine große Wohnung oder ein dickes Konto. Will man so heute wirklich noch die Größe von Menschen messen? Groß ist doch jemand, der seinen Mitmenschen mehr Energie, Güte, Witz oder Zuwendung gibt, als er von ihnen bekommt. Die Einkommensklasse ist dafür kein Maßstab.

Nein, weil dieser Begriff entpolitisiert. Schließlich wachsen "kleine Leute" nicht auf Bäumen, sie werden klein gemacht oder gelassen oder gehalten. Man gibt ihnen nicht genug Bildung und Aufmerksamkeit, nicht genug Anregung und Wertschätzung. Und warum nicht? Weil man sie klein braucht. Sie machen doch die einfachen Arbeiten bloß, weil die "großen Leute" ein Heer von Arbeitern und Dienstleistern brauchen, um auf großem Fuß zu leben.

Und schließlich: Nein, weil die Regierung sich nicht zu den von Seehofer gemeinten Menschen runterbeugen darf. Im Gegenteil: Die Groko ist ihnen etwas schuldig. Sie verdienen viel weniger Geld für eine langweilige oder gefährliche Arbeit als jene, die eine spannende – "erfüllende" – Arbeit verrichten, bei der sie sich höchstens an der Espressomaschine die Finger verbrennen. Obendrein werden diese "kleinen Leute" seit Jahren dem maximalen Globalisierungs- und Mobilitätsstress ausgesetzt: Sie müssen Angst haben, dass ihre Kinder mit schlechten Noten nach Hause kommen; sie wohnen an jenen Straßen, die durch Lärm und Abgase entwertet und entmenschlicht werden; sie müssen Angst haben, am Ende in einem Altenheim zu sitzen, in dem sie von mies bezahltem Personal bestenfalls notdürftig versorgt werden; sie wissen nicht, was die Digitalisierung demnächst mit ihren Jobs macht; und ausgerechnet ihnen hat die Groko mit ihrer schlecht vorbereiteten und dürftig ausgestatteten Flüchtlingspolitik auch noch den wahren Integrationsstress auferlegt.

Vielleicht sollte sich als Allererstes mal jemand bei diesen "kleinen Leuten" entschuldigen.

Noch ist unklar, ob die Groko die Menschen ernstlich vom lebensvergiftenden Superstress befreien will. Ein erster Schritt wäre es, wenn Union und SPD aus ihrem Sprachgefängnis ausbrächen und nicht von den "kleinen Leuten" redeten, sondern von deren Großzügigkeit und Geduld gegenüber den Privilegierten. Es reicht nicht, wenn die Mächtigen und Bevorzugten den Kontakt zum "gemeinen Volk" wiederherstellen wollen, indem sie gemeinsam hart über Flüchtlinge reden. Die machen in der Tat auch eine Menge Probleme, die gelöst werden müssen – aber bitte nicht länger von "kleinen Leuten".

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