Morgens zog in den schmalen Meeresarmen manchmal Nebel auf, und die Welt bestand dann nur noch aus unserem kleinen Schiff und ein paar Meter Wasser darum herum. In diesen wattierten Stunden war das Land auf seine Stille reduziert, so weit und tief, dass man den Eindruck hatte, sie könne jeden Moment explodieren. Die einzigen Geräusche waren das Platschen der springenden Fische und die Rufe der Raben, die sich irgendwo im Nebel suchten. Wir standen oft mit einem Becher Kaffee an Deck in diesen Morgenstunden, horchten in uns hinein und versuchten, etwas zu erkennen in diesem hellen Grau. Und wenn der Wind hoch über uns kräftig genug blies oder die Sonne sich durch die Wolken geschnitten hatte, erschienen die steilen Hänge voller Fichten, die hintereinander gestaffelten Bergrücken, die halbkreisförmige Bucht, in der wir vor Anker gegangen waren. Es war ein wenig so, als würden die Inseln und das Meer in diesen Morgenstunden neu geboren.

Ich wollte schon immer nach Haida Gwaii. Vor vielen Jahren hatte ich in einer amerikanischen Zeitschrift Fotos gesehen, auf denen sich alte, verwitterte Totempfähle vor der Kulisse eines undurchdringlichen Waldes Richtung Himmel reckten. "Frozen in time" war die Überschrift zu dem Text, ich erinnere mich bis heute daran. Die Bilder haben sich festgesetzt in meinem Kopf. Und der Name der Inselgruppe: Haida Gwaii, das klingt wie aus einem Fantasyroman. Sowieso reizen mich Weltenecken, in die man nicht so einfach gelangen kann. Und die – das hoffe ich jedenfalls bei jeder Reise in solche Regionen – am Ende denjenigen belohnen, der sich die Mühe gemacht hat, zu ihnen aufzubrechen.

Der Archipel vor der Küste British Columbias gehört ganz bestimmt zu diesen Gegenden. Auf seine beiden großen Inseln Graham Island und Moresby Island kommt man noch per Flugzeug oder Fähre. Auf die zweihundert anderen nur noch mit dem Schiff. Und das auch nur bei günstigen Strömungen, passenden Windverhältnissen und mit einem Kapitän, der weiß, was er tut: Etliche Küstenabschnitte von Haida Gwaii sind bis heute nicht detailliert kartografiert.

In diesem Labyrinth aus Inselchen und Halbinseln, Buchten, Landzungen, Durchlässen und Inlets, fjordartigen Sackgassen, sind wir unterwegs. Eine Woche lang. Auf der MV Swell, einem ehemaligen Schlepper, die in Kanada tugboat heißen: vier Mann Besatzung, elf Passagiere, außer mir alles ältere kanadische Paare, die auch noch nie auf Haida Gwaii waren.

Die MV Swell wiederum hat bis vor ein paar Jahren Flöße voller Baumstämme nach Masset auf Graham Island gezogen, dann bauten ihre neuen Besitzer sie zu einem schwimmenden Hotel mit Kabinen um. Mahlzeiten werden im Salon serviert, einer Art Wohnzimmer mit Weinregal und stapelweise Naturkundebüchern und Lyrikbänden. Oben auf dem Dach liegen die Kajaks vertäut. Mit denen kann man die Passagen und Seitenarme erkunden, in die die Swell nicht hineinpasst. Die kleinen Buchten des Carmichael Inlet zum Beispiel.

Es ist der erste Morgen auf unserer Reise von Moresby Island Richtung Südzipfel des Archipels, der Nebel hat sich vor ein paar Minuten gelichtet, und wir paddeln hinaus in eine Welt, die wie frisch gewaschen wirkt. Unter den Booten kann man die Lachse hin und her huschen sehen. Am Ufer türmt sich Treibholz, bleiche Stämme, die Wind und Wellen an Land geschleudert haben. Ein Seeadler beäugt uns misstrauisch, und der kleine Kopf da vorne vor dem Kajak gehört zu einem Seehund.

Haida Gwaii bedeutet "Inseln der Haida". Das Volk, das in seinen besten Zeiten Zehntausende Menschen zählte, hat den Archipel vor etwa 13.000 Jahren vom Festland aus besiedelt. Heute leben etwa 2.500 Haida auf Graham und Moresby Island. Ihren Legenden nach hat der Rabe die Inseln erschaffen, indem er von ihnen träumte; deswegen verehrten sie ihn noch mehr als den Adler, den Grizzly und den Orca.

Die Siedler trafen damals paradiesische Zustände an. Das Meer war reich an Fischen, Muscheln, Krabben und Krebsen, in den Wäldern wuchsen Beeren, Hunderte Pilzsorten und gewaltige Zedern, aus deren Holz sie ihre Kanus und große Häuser bauten. Weil es Nahrung im Überfluss gab, hatten die Haida Zeit für die schönen Dinge des Lebens, und über die Jahrtausende haben sie eine reiche Kultur entwickelt. Ihre beinahe abstrakten Zeichnungen in Schwarz und Rot sind heute der Inbegriff indigener Kunst des amerikanischen Nordwestens. Vor ihren Häusern errichteten sie Totempfähle, oft 20 Meter hoch.

James Cook war einer der ersten Europäer, die die Welt der Haida betraten. 1778 kreuzte er mit der Resolution vor der kanadischen Küste auf und konnte nur mit Mühe eine Meuterei unterdrücken: Statt weiter nördlich nach der Nordwestpassage zu suchen, wollte die Mannschaft bleiben, um Seeotter zu jagen, mit deren Pelzen man damals ein Vermögen machen konnte.

Ein Nebelreich, in dem andere Dinge wichtig sind

Als sich nach ihrer Rückkehr die Kunde vom Pelzgold in den Spelunken Londons herumgesprochen hatte, stachen die ersten Schiffe mit Kurs auf den Archipel in See. Innerhalb weniger Jahrzehnte war der Seeotter in der Region ausgerottet, das Volk der Haida von den Pocken, denen es schutzlos ausgeliefert war, beinahe ausgelöscht. 1900 lebten nur noch 625 Haida in über die Inseln versprengten Siedlungen.

Als diese Dörfer nach und nach aufgegeben wurden, raubten Schatzsucher und Jachtbesitzer den Haida auch noch das kulturelle Erbe: Hunderte Totempfähle wurden umgeworfen, zerstückelt und von den Inseln geschafft. Sie landeten in privaten Sammlungen und Museen; bis in die achtziger Jahre hinein ging das so. Allein in New York City gibt es heute mehr Haida-Kunst als im ganzen Archipel.

Auch deshalb wird man von Haida-Wächtern empfangen, sobald man an einer der alten Siedlungen an Land geht. Oder, in unserem Fall: von einer Wächterin. Ist nicht böse gemeint, sagt Deedee zur Begrüßung, die Haida seien bloß vorsichtig geworden. Zu viel sei zerstört, zu viel sei verloren. Und überhaupt: Sei es nicht viel besser, wenn man alles erklärt bekomme?

In den Sommermonaten ziehen deswegen Freiwillige von Graham Island und Moresby Island hinaus auf die entlegenen Inseln und quartieren sich in modernen Holzhäusern ein, die eigens für diese watchmen gebaut wurden. Jeder, der die alten Orte besucht, bekommt von ihnen die Reste der historischen Siedlungen gezeigt und die Geschichte vom Traum des Raben erzählt. Am Ende gibt es Tee.

500 Haida lebten einst in der Siedlung K’uuna Llnagaay; auf historischen Fotos in den Bildbänden der Bordbibliothek kann man sehen, wie ihre Langhäuser der sichelförmigen Bucht folgten. Geblieben ist nicht viel, die hölzernen Fundamente der Langhäuser, die Reste mehrerer Kanus, die Spuren alter Feuerstellen, aber Deedee erweckt die Vergangenheit mit ihren Erzählungen zum Leben. Sie führt uns zu einer Lichtung, auf der die letzten Totempfähle der Insel in den Himmel ragen wie mahnende Zeigefinger. Nur noch wenige stehen gerade, die meisten neigen sich Richtung Boden, viele sind abgebrochen, alle mehr oder weniger stark verwittert.

Die Haida gaben sich unendliche Mühe beim Herstellen dieser Statussymbole: Die Suche nach einem geeigneten Stamm in den Wäldern, der Transport zum Ort, das Schnitzen der stilisierten Orca-, Raben- und Bärengesichter, das Bemalen sowie das Aufstellen unter Beachtung der rituellen Vorgaben – all das dauerte ewig. Sobald der Pfahl aber stand, überließen die Haida ihn Wind, Wetter und der Zeit. Was aus der Natur kommt, soll zurück zur Natur fallen. Auch wenn es ein Kunstwerk ist.

Mehrere Jahrzehnte haben die Haida ihre Wachen auf freiwilliger Basis organisiert. Erst seit das südliche Drittel des Archipels zum Schutzgebiet Gwaii Haanas erklärt wurde, werden die Wächterinnen und Wächter für ihren Aufenthalt auf den abgelegenen Inseln bezahlt. (Die Verwaltung legt Wert darauf, dass der vollständige Name des Schutzgebietes mindestens einmal in voller Schönheit genannt wird, deshalb an dieser Stelle: Gwaii Haanas National Park Reserve, National Marine Conservation Area Reserve and Haida Heritage Site – auf so etwas muss man auch erst einmal kommen.)

Deedee wird noch zwei Monate bleiben, zusammen mit ihrem Mann und einer Enkeltochter. "Uns tut das gut. Wir nehmen wieder Kontakt zu unserer Geschichte auf. Viele bringen in den Ferien ihre Kinder auf die Inseln mit. Die lernen dann, wie man Krebse fängt und welche Pilze man wo im Wald findet."

Wir von der Swell versorgen uns auch selbst. Vieles von dem, was abends aus der Küche hinüber in den Salon gebracht wird, haben Crew und Passagiere tagsüber organisiert. Bevor wir ankern, legen wir Krabben- und Krebsfallen aus, in denen am nächsten Morgen dann tatsächlich unser Abendessen hockt. Mehrere Passagiere haben einen Angelschein und ziehen problemlos Kabeljau und Lachs aus dem Wasser. Bei Ebbe steigt die Crew in Neoprenanzügen ins Meer und erntet Seegurken und Seeigel, bei Landgängen rupfen alle büschelweise Salatzutaten wie Strand-Wegerich und Queller (dessen englischer Name so viel schöner ist: sea asparagus, Meeresspargel). Unser Mineralwasser wird mit Minze aus den Wäldern versetzt, der Tee schmeckt nach Fichtennadeln.

Bevor die Swell auslief, hat jeder von uns bis auf die letzte Minute seine E-Mails abgerufen, die Schlagzeilen überflogen und was man sonst alles macht, wenn man sein Smartphone in die Hand nimmt. Nach drei Tagen an Bord wissen die meisten von uns nicht einmal mehr, wo sie ihr Handy hingepackt haben. Statt WhatsApp-Account und Facebook-Stream kontrollieren wir Windstärke und Gezeiten, statt über harten oder weichen Brexit diskutieren wir über harte und weiche Krebspanzer. Wir lesen Bücher aus der kleinen Bordbibliothek, Gedichte, Walt Whitman, Sylvia Plath, Dylan Thomas. Oft genug aber sitzen wir nur an Deck und schauen zum Ufer hinüber. Dann haben wir das Gefühl, aus der eigentlichen, wirklichen Welt hinausgerutscht zu sein in ein Nebelreich, in dem andere Gesetze gelten und andere Dinge wichtig sind.

Absorbiert vom uralten Grün

Besonders intensiv ist dieses außerweltliche Gefühl immer dann, wenn wir vom Strand ins Innere der Inseln laufen. Hinein in den Wald, der übergangslos beginnt, sobald man die schmale Uferzone hinter sich gelassen hat. Bevor der Mensch mit Beil, Kettensäge und Bulldozer anrückte, reichten die Küstenregenwälder Nordamerikas von Kodiak Island in Alaska bis hinunter nach Mendocino County in Kalifornien – ein 3.000 Kilometer langes, immergrünes Band, in dem die größten Bäume der Welt wuchsen. Heute existieren davon nur noch wenige Überreste.

Für Botaniker sind diese letzten Habitate Fenster in die Vergangenheit des Planeten, Mystiker schwärmen von ihnen als heiligen Kathedralen der Natur – für uns aber sind sie erst einmal ein fremder und eher unheimlicher Ort. Temperierter Regenwald ist quasi ein tropischer Dschungel, der sich in eine gemäßigte Klimazone verirrt hat – eine mehr oder weniger undurchdringliche Mischung aus kreuz und quer stehenden, sinkenden und bereits liegenden Bäumen, Felsen und Wurzeln, zwischen denen alles wächst, was wenig Licht benötigt und viel Wasser wegstecken kann.

Weil es hier an bis zu 250 Tagen im Jahr regnet, ist der komplette Boden mit Moos überzogen. Die Stämme der umgestürzten Fichten und Zedern sind so dick, dass sie einem nicht bloß den Weg, sondern auch den Blick versperren.

Solange wir auf den Pfaden bleiben, die die Haida oder das Wild in diesen Wald gelaufen haben, ist alles in Ordnung. Wenn man sich aber auch nur ein paar Schritte von ihnen wegbewegt, um ein Foto zu machen oder einen besonders eindrucksvollen Stamm zu betrachten, dann kann man in diesem Wald sehr schnell die Orientierung verlieren. Und zwar komplett. Man ahnt, dass man rasch selbst Teil dieses ewigen Waldes werden würde, wenn man zu lange stehen bleibt, überwachsen und absorbiert vom uralten Grün um einen herum. Wenn man nach oben schaut, sieht es aus, als würden die Sitka-Fichten und Zedern bis hinein in den Himmel wachsen.

Diese Riesen haben Haida Gwaii vor gut zehn Jahren ins Bewusstsein der Kanadier und der übrigen Welt gerückt. Zu einem Zeitpunkt, als nur noch wenige solcher Bäume übrig waren.

Die Engländer waren Ende des 18. Jahrhunderts zwar wegen der Seeotter gekommen, geblieben aber waren sie wegen der Bäume. Englands Navy brauchte Schiffe, und Schiffe brauchten Masten, und weil die Baumbestände in England längst abgeholzt waren, war ein Hain aus uralten, hundert Meter hohen Fichten und Zedern im "Britannia rules the seas"- Zeitalter so wertvoll wie heute ein Ölfeld.

Als später in Europa der Erste Weltkrieg tobte, wurden die Sitka-Fichten von Haida Gwaii zu Flugzeugflügeln und Propellern verarbeitet (ihr Holz ist das einzige, das bei Kugeltreffern nicht splittert), in den Jahrzehnten danach stillten sie den immer größeren Bedarf an Bau- und Brennholz. Erst als sich die Haida 2005 den Lastwagen der Holzfäller in den Weg stellten, um auf das Schicksal ihrer Heimat aufmerksam zu machen, wurde der Kahlschlag gestoppt. Das Schutzgebiet Gwaii Haanas entstand. Und ganz allmählich auch ein sanfter Tourismus. Im vergangenen Jahr kamen etwas mehr als 2.000 Besucher.

Der schönste und zugleich verstörendste Ort der Reise liegt ganz im Süden des Archipels. SGang Gwaay ist bis heute nur mit viel Wetterglück zu erreichen, Souvenirjäger und Antiquitätensöldner haben die Insel nie geplündert. Die Siedlung dort gehört zum Unesco-Weltkulturerbe, und bevor sie uns hinüber zu den Totempfählen und den verwitterten Balken der Langhäuser führen, erzählen die Wächter uns die Geschichte SGang Gwaays.

Wie die Haida die ersten Schiffe der Europäer am Horizont erblickten und sie wegen ihrer Takelage für Netze einer riesigen Spinne hielten. Wie man die weißen Männer für verrückt erklärte, weil sie Feuerwaffen und Werkzeuge gegen läppische Otterpelze eintauschten. Wie die Bewohner von SGang Gwaay wohlhabend wurden und mächtig, und wie sie mit den Waffen der Weißen andere Haida auf anderen Inseln überfielen. Wie das Fieber ausbrach und die Menschen starben.

Auch an einem sonnigen Nachmittag liegt eine seltsame Melancholie über SGang Gwaay. Wir werden nachdenklich, wir werden still, und als die Haida-Wächter das bemerken, lassen sie uns allein. Zwei Stunden lang bleiben wir an dem Ort, den die letzten Bewohner 1885 verließen. Ihre Toten ließen sie zurück; die Pocken hatten derart viele dahingerafft, dass niemand die Kraft aufbrachte, sie zu bestatten.

Wir sitzen schweigend im Gras, schauen hinüber zu den Totempfählen. Hin und wieder stehen wir auf, laufen ein paar Schritte, machen ein Foto, werfen einen Stein in die Bucht hinter uns. Wahrscheinlich tun wir es, um uns für einen Moment abzulenken von der Kraft dieses Ortes, der uns ahnen lässt, wie die Welt aussah, bevor wir auf ihr erschienen. Und auch, wie sie sein wird, wenn wir von ihr verschwinden.

Das Wetter ändert sich, Wolken ziehen auf, die Luft wird diesig, und unser Schlauchboot hoppelt über den Kamm der Wellen zurück zur MV Swell. Wir lichten Anker, und als wir uns drei Minuten später umdrehen, sind SGang Gwaay und die übrigen Inseln im Nebel verschwunden. Als existierten sie gar nicht, als seien sie nur der Traum eines Raben.